Wenn das zweite Kind im Anmarsch ist, dann fällt früher oder später die Frage ans erste Kind, welches Geschlecht beim jüngeren Geschwister erwünscht wird. Und es gibt die passenden Kommentare:
»Mit einem Bruder kannst du Fußball spielen. Mädchen interessieren sich doch nur für Puppen.«
Live O-Ton.
Da fällt mir auch nichts mehr zu ein...
Wir werden nicht als Männer oder Frauen geboren, wir werden dazu gemacht. Und das nicht nur durch die Sozialstruktur, sondern auch durch viele reale Interaktionen, die wir erleben. In diesem blog möchte ich die Erlebnisse dokumentieren, die mir bei der Sozialisation meines eigenen Kindes auffallen, das im Februar 2012 geboren wurde. Dabei möchte ich mich selbst, mein Kind und unsere Umwelt beobachten und alles Erwähnenswerte dokumentieren.
Freitag, 25. Januar 2013
Willst du ein Brüderchen oder Schwesterchen?
Donnerstag, 13. Dezember 2012
Sättigung?
In der letzten Zeit war ich des Bloggens etwas müde. Ich vermute, dass es unter anderem daran liegt, dass zur Zeit eine gewisse Sättigung in meinem Erkenntniszugewinn vorliegt. Babys in dem Alter geben einem hauptsächlich drei Möglichkeiten mit Doing Gender auf sie zu reagieren:
- Man kann ihre 'Fassade' geschlechtsstereotyp gestalten (ob dies Doing Gender ist, werde ich an anderer Stelle diskutieren). So gut wie alle Menschen erwarten heutzutage, dass auch bei Babys das Geschlecht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Dabei gilt die Formel, dass alle Rottöne (rosa, rot bis lila) und gewisse Applikationen, wie etwa Spitze, sowie gewisse Motive, wie etwa Blümchen, einen Hinweis auf Weiblichkeit geben. Das bedeutet weiterhin, dass alle anderen Farben, so auch grün und gelb, ohne additive weibliche Hinweise, als männlich wahrgenommen werden.
Eine Begebenheit beim Spaziergang verdeutlichte mir, wie zügig die Menschen weibliche Details erkennen können. Emma saß in ihrem grauschwarzen Kinderwagen und trug eine dunkelblaue Jacke. Eine fremde Frau, mit der ich eine kurze Unterhaltung führte, war sofort in der Lage sie als Mädchen zu identifizieren, weil das Innenfutter der Kapuze aus fliederfarbenem Teddystoff besteht, der in einer Borte die Außenseite der Kapuze umrandet. Eine andere Frau, der wir beim Einkaufen von Babykleidung mehrmals begegneten, sagte zu mir meine Tochter sei wohl eher ein 'Tomboy', weil sie Emma in dem hellbraunen Teddyanzug für einen Jungen gehalten hatte und ihr wahres Geschlecht 'erkannte', als ich ihr eine lilafarbene Jacke anprobierte. Weiß erscheint mir die einzige weitere Farbe, die auch verstärkt weiblich konnotiert ist bei Babykleidung. Die weiblichen Teddy-Anzüge etwa, die ich im Internet gefunden habe, waren oft weiß, die männlichen beige.
Weiterhin ist mir aufgefallen, dass so gut wie alle Eltern und Großeltern, mit denen ich darüber sprach, diese geschlechtsdifferenzierte Babykleidung mögen und 'süß' finden. Bei amazon und ebay ist es teilweise (!) möglich explizit nach geschlechtsneutraler Babykleidung zu suchen. Es gibt natürlich auch gewisse Basics, die häufig geschlechtsneutral sind, wie etwa Bodys. Aber dennoch sind mir bislang nur in Ausnahmefällen geschlechtsneutral gekleidete weibliche Babys aufgefallen. Da das Spektrum für Jungen so breit ist, könnte man hier öfter mal sagen: "Naja, das könnte ja auch ein Mädchen tragen." Aber so wirkt die Erkennbarkeit bei männlichen Babys im Vermeiden von weiblichen Farben, Motiven, Applikationen und Accesoires und die Erkennbarkeit von weiblichen Babys genau umgekehrt im Verwenden ebendieser. Das scheint auf das Prinzip der Sonderstellung des Weiblichen und der Neutralität des Männlichen hinzuweisen. Ich würde spontan annehmen, dass dies bei der Kleidung für Erwachsene nicht mehr so ist. Wobei auch hier Männer meistens alle Zeichen von Weiblichkeit an ihrer Kleidung vermeiden. Aber Frauen steht ein weites Spektrum an Farben und Formen zur Verfügung. Dies ist wahrscheinlich darin begründet, dass Erwachsene durch die Gestaltung ihres unmittelbaren Körpers bereits vielfach recht eindeutig ihr Geschlecht kommunizieren. Jetzt auch mal abgesehen von Frisur und Schminke, hat ein erwachsener Mensch die Körpersprache und Mimik seines Geschlechts meist derart verinnerlicht, dass immenses Training notwendig ist, will man erfolgreich das andere Geschlecht vortäuschen. Dies fehlt bei Babys komplett und deswegen MUSS die Erkennbarkeit des Geschlechts durch die Kleidung übermittelt werden. - Die Interpretation des Verhaltens von Babys. Weint ein Baby, wird dies häufig als weibliches Verhalten gedeutet. Ich kann hier leider nur auf Vorfälle in der Krabbelgruppe zurückgreifen. Jedoch wurde kleinen Mädchen mehrfach bescheinigt, wie ein 'richtiges Mädchen' zu weinen und kleinen Jungen 'wie ein Mädchen' zu weinen. Aktives und erkundendes Verhalten wurde häufig als typisch für Jungen gedeutet. Bei Mädchen wird das gleiche Verhalten unkommentiert belassen. Schüchternheit dagegen wird bei Mädchen als weibliches Verhalten expliziert. Auch hier verfüge ich nur über Erfahrungen in der Krabbelgruppe.
- Verhalten in der Interaktion mit dem Baby. Und jetzt kommt der große Knackpunkt. Wie soll ich wissen, ob die Art wie wir mit den Babys umgehen geschlechtsspezifisch unterschiedlich ist? Wird ein Mädchen eher getröstet, wenn es weint? Wird ein Junge mehr ermuntert, seine Umwelt zu erkunden? Das größte Problem daran ist die IMMENSE Spannbreite des individuellen Verhaltens. Sowohl wir als Eltern verhalten uns per se alle sehr unterschiedlich, als auch dass wir auf jedes Kind unabhängig vom Geschlecht bereits unterschiedlich reagieren. Hier kann also geschlechtsspezifischer Umgang mit dem Kind eigentlich nur erkannt werden, wenn es verbalisiert wird. Aber selbst diesen Verbalisierungen ist nicht zu trauen. Auch Introspektion hilft kaum weiter, weil ich ja als Elternteil nur eine begrenzte Zahl von Kindern groß ziehe, die ich alle als sehr individuell wahrnehme. Ich bin da ja wahrscheinlich sogar als gendersensibilisierter Mensch mehr als genug blinden Flecken unterlegen. Dies ist wohl leider ein Bereich, und zwar ein ausnehmend bedeutender, der der Feldforschung vorenthalten bleibt. Man bräuchte wirklich ganz andere Mittel, wenn man das Phänomen der Geschlechtssozialisation empirisch qualitativ wie quantitativ sauber erforschen möchte.
Wie eine sozialwissenschaftliche Forschung aussehen müsste, die den Punkt 3 einigermaßen valide bearbeitet, möchte ich hier einmal kurz skizzieren:
- In einer intensiven Vorbereitungsphase müsste man sowohl theoretisch, wie auch qualitativ-empirisch herausarbeiten, welche bedeutenden für die Geschlechtsdifferenz relevanten Verhaltensweisen und Reaktionen Eltern gegenüber ihren Kindern zeigen können. Etwa: Das Baby beginnt zu weinen, wie lange wartet die Betreuungsperson, bis sie zum Baby geht und was tut sie dann? Allein bei dieser recht einfach erscheinenden Frage gibt es viele Variablen zu beachten: Man müsste z.B. unterschiedliche Arten von Weinen und Schreien von Babys ausmachen und dies empirisch objektivierbar machen. Man müsste einen Katalog an relevanten Verhaltensweisen plus dazugehörige Beobachtungsschemata zur Einordnung der Verhaltensweisen ausarbeiten.
- In einer groß angelegten empirischen Phase müsste man dann Elternverhalten audiovisuell dokumentieren und zwar in den Bereichen: Privat (z.B. zuhause, zu Besuch bei Verwandten), halböffentlich (z.B. Krabbelgruppe, Babyschwimmen) und öffentlich (z.B. Spielplatz, Ladenlokale). Die größte Validität würde sich durch eine Panelanalyse ergeben, das bedeutet, dass die selben Eltern über einen längeren Zeitraum, sagen wir mal für die ersten vier Lebensjahre des zur Studie gewählten Kindes, immer wieder aufgezeichnet werden in der Interaktion mit ihrem Kind.
- Parallel dazu wäre es sinnvoll, die Eltern zu befragen, nicht nur für die Erfassung der sozioökonomischen Labels, sondern auch um Besonderheiten der aktuellen Lebenslage zu erfassen, etwa entstandene Stressoren.
- Die Gruppe der Teilnehmenden müsste im besten Fall randomisiert ausgewählt werden und mehrere Tausend Zielkinder in der Interaktion mit ihren Eltern umfassen. (Eine Drop-out-Analyse derjenigen, die sich weigern an der Studie teilzunehmen, wäre unbedingt von Nöten.) Sollte eine randomisierte Auswahl nicht möglich sein (was bereits der Fall ist, wenn die Teilnehmerzahl zu klein ist), müsste man versuchen einen möglichst breiten Zugang zu finden, sowohl geografisch, wie auch sozioökonomisch/ milieudifferenziert.
- Dieses audiovisuelle Material müsste dann entsprechend des Katalogs und der Beobachtungsschemata von zwei unabhängigen Personen einsortiert werden, strittige Fälle würden einer Supervision unterzogen.
- Die dadurch entstehenden Daten kann man dann mit den entsprechenden Formeln durchrechnen.
- Weiterhin wäre es sinnvoll, das audiovisuelle Material zum Teil auch einer ergebnisoffenen und freien Interpretation zugänglich zu machen (bspw. alle Szenen, die in die Supervision aufgenommen wurden, sowie einige stichprobenartige Szenen), um so eventuell entstandene Erkenntnislücken des Katalogs und der Beobachtungsschemata zu finden. Dies würde sicherlich die laufende Überarbeitung des Katalogs und der Beobachtungsschemata notwendig machen, was bedeutet, dass das Material, das bereits bearbeitet wurde, unter Umständen erneut gesichtet werden müsste.
- Es wäre auch denkbar bestimmte, als Schlüsselszenen ausgemachte Abschnitte des Materials mit den Eltern gemeinsam anzuschauen und sie dazu zu befragen, um zusätzliche introspektive Informationen zu bekommen.
Ich denke jeder Leserin, jedem Leser dürfte klar sein, dass ein solches Forschungsunterfangen nicht nur extrem kostenintensiv wäre, sondern auch forschungspraktisch vor zahllosen, kaum überwindbaren Hindernissen stünde. Welche Eltern würden schon zulassen, dass man in ihren Privaträumen eine Videoüberwachung installiert? Weiterhin müsste man mit vielen empirischen Effekten rechnen, etwa Beobachtungseffekten und eine Sensibilisierung mancher Eltern auf das Thema, die sonst nicht eingetreten wäre, etc.
Ein weiteres Problem möchte ich anhand eines Beispiels aus meinem eigenen Leben kurz schildern:
Als ich im Grundschulalter war, da wünschte ich mir einen Chemiebaukasten. Wenn meine Eltern mich fragten, was ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten haben wolle, äußerte ich regelmäßig diesen Wunsch. Er wurde mir jedoch nie erfüllt. Mehrmals fragte ich meine Eltern, warum sie sich weigerten mir einen Chemiebaukasten zu kaufen und sie äußerten dann die Sorge, dass ich damit das Wohnungsinterieur beschädigen könnte. Dann gab es Lego-Technik-Spielzeug von meinem Onkel auf unserem Dachboden. Mehrmals fragte ich meine Eltern, meinen Onkel und meine Großeltern, ob ich dieses Spielzeug nicht haben könne, aber dieser Wunsch wurde beharrlich ignoriert. Sie sagten einfach gar nichts dazu.
Da meine Eltern keinen Sohn hatten, kann ich nicht beurteilen, ob ihm bezüglich des Chemiebaukastens und des Lego-Technik-Spielzeugs das gleiche Schicksal widerfahren wäre. Ich will meinen Verwandten auch gar keinen Vorwurf machen, ich meine nur, dass ein solches Ignorieren, sowohl von verbalen Äußerungen des Kindes, wie auch von bestimmten Verhaltensweisen, einen sehr effizienten Einfluss beispielsweise auf die spätere Berufswahl nehmen kann, dass es sich hierbei aber nur um sehr kurze und seltene Szenen in meiner Lebensgeschichte handelt.
Worauf ich damit hinaus will: Es können sehr vereinzelte und kurze Interaktionssequenzen zwischen Eltern und Kindern vorkommen oder eben NICHT vorkommen, die eine immense Auswirkung auf das weitere Leben oder viel später getroffene Lebensentscheidungen haben können. Und je früher diese Sequenzen vorfallen oder NICHT vorfallen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sich ein dazu befragter Erwachsener noch daran erinnern kann.
Und da man unmöglich die ersten vier Lebensjahre von untersuchten Kindern (oder eben einen gewählten Zeitabschnitt, innerhalb dessen sich die Geschlechtsidentität herausbildet) komplett audiovisuell dokumentieren und auswerten kann, sondern immer nur einen vergleichsweise geringen Teil, ist die Chance statistisch gesehen relativ hoch, dass entscheidende Situationen eben nicht dokumentiert sind. Und selbst wenn solche Szenen dokumentiert sind, so bleibt der auswertenden Beobachertin/ dem auswertenden Beobachter weitgehend vorenthalten, wie tief der Eindruck ist, den bestimmte Vorfälle bei den beobachteten Kindern hinterlassen, welche genauen Gefühle sie auslösen, welche Erinnerungen sie daran behalten und welche Schlussfolgerungen für ihr eigenes Handeln sie daraus ziehen. Und mit Kindern kann man auch bedeutend schlechter, als mit Erwachsenen, solche Szenen später gemeinsam reflektieren, da sowohl Introspektion, als auch Reflexion Fähigkeiten sind, die erst im Laufe der Kindheit bis in die Adoleszenz hinein entwickelt werden (können).
Meine Arbeit an diesem Tagebuch kann man also nur verstehen als die Vor-Vorarbeit zu einer wenn überhaupt, dann erst in weiterer Zukunft stattfindenden umfassenden Erhebung und Analyse der Geschlechssozialisation. Es sind nichts weiter als ergebnisoffene Notizen einer geschlechtssensibilisierten Mutter, die versucht im Dickicht der Lebenswelt einzelne Fäden aufzunehmen und ihnen zu folgen, um wenigstens einen groben Eindruck davon zu bekommen, welche Meilensteine der Geschlechtssozialisation sie vorfinden kann.
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Dieser blog ist nicht der Ort für Grundsatzdiskussionen zu biologischen Determinismen von Geschlecht, zur Sinnhaftigkeit verschiedener Forschungsansätze oder des Feminismus.
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Mittwoch, 14. November 2012
Goffman: Geschlechtsklassen
"In allen Gesellschaften werden Kleinkinder bei ihrer Geburt der einen oder anderen Geschlechtsklasse zugeordnet, wobei diese Zuordnung durch das Ansehen des nackten Kinderkörpers, insbesondere der sichtlich dimorphen Genitalien geschieht - eine Zuordnugspraxis, die derjenigen ähnelt, die bei Haustieren vorgenommen wird. Diese Zuordnung aufgrund der körperlichen Gestalt erlaubt die Verleihung einer an das Geschlecht gebundenen Identifikationskette. (...) In den verschiedenen Phasen des individuellen Wachstums wird diese Klassifizierung durch Kategorien für weitere körperliche Anzeichen bestätigt, von denen einige dem allgemeinen Wissensbestand angehören, andere (wenigstens in modernen Gesellschaften) von den Wissenschaften entwickelt wurden und beispielsweise als Chromosomen, Gonaden und Hormone bezeichnet werden. Jedenfalls betrifft die Einordnung in die Geschlechtsklassen fast ausnahmlos die gesamte Population und beansprucht lebenslange Geltung. Somit liefert sie ein Musterbeispiel, wenn nicht sogar den Prototyp einer sozialen Klassifikation. Zudem scheint uns in modernen Gesellschaften die soziale Einteilung in Frauen und Männer in völligem und getreuem Einklang mit unserem 'biologischen Erbe' zu stehen und kann daher unter keinen Umständen verleugnet werden. Wir haben es mit einer einzigartigen Übereinstimmung zwischen dem unmittelbaren Verständnis der einfachen Leute und den Erkenntnissen aus Forschungslaboratorien zu tun. (...)
Ich möchte deshalb wiederholen, daß ich unter dem Begriff Geschlechtsklasse ('sex class') eine rein soziologische Kategorie verstehe, die sich allein auf diese Disziplin und nicht auf die Biowissenschaften bezieht." (S. 107 ff.)In diesem zugegeben sehr langen Zitat finden sich eine Menge zentrale Punkte:
- Die Zuordnung des Geschlechts erfolgt direkt nach der Geburt durch die Betrachtung des nackten Kinderkörpers und wird anhand der sichtbaren Genitalien vorgenommen. Heute, das beschrieb ich schon mal hier, wir die Geschlechtszuordnung ja bereits häufig vor der Geburt betrieben. So weit es jedoch ausschließlich per Sonografie geschieht, erlangt erst der Blick auf das nackte Neugeborene zu einer rechtsgültigen und endgültigen Klassifikation. Es gibt immer wieder Fälle, wo die Diagnose der Sonografie falsch war. Hat man anhand von Biopsiematerial eine Genanalyse während der Schwangerschaft durchführen lassen, so wird diese Genanalyse wahrscheinlich mehr Gültigkeit besitzen, als der Blick auf das Neugeborene. Solche Möglichkeiten gab es für die breite Bevölkerung noch nicht, als der Artikel entstand. Goffman merkt dennoch in einer Fußnote an, dass es bei der Zuordnung zur Geschlechtsklasse auch Abweichungen von der Regel geben kann, aber er betont hierbei handle es sich um Ausnahmen und fügt an, dass "die Zuordnung zu einer Geschlechtskategorie im Vergleich zu allen anderen Zuordnungen sehr streng vollzogen wird." (S.108). Ein Beispiel für die Richtigkeit dieser Annahme sind die immensen Auflagen, denen Transsexuelle unterliegen, wenn sie ihr Geschlecht im Personalausweis ändern wollen, um so 'offiziell' dem anderen Geschlecht anzugehören. Das deutsche Recht sieht vor, dass der zu vergebende Vorname geschlechtseindeutig ist.
- Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich lesen, wie Goffman darauf verweist, dass die Zuordnung zur Geschlechtsklasse bei Haustieren (damit sind aller Wahrscheinlichkeit alle domestizierten Tiere, also auch Nutztiere und nicht nur Heimtiere gemeint, siehe hier) ganz ähnlich ist. Es handelt sich hierbei wohl um eine jahrtausendealte und sehr pragmatische Tradition. Wir Menschen sind eben auch Tiere.
- In diesem Abschnitt grenzt sich Goffman mit großer Deutlichkeit vom biologischen Geschlecht ab. Die Behandlung des biologischen Geschlechts überlässt er den Biowissenschaften. Ihn interessiert die soziale Klassifikation und deren Folgen. Hier bestätigt er nochmals, was er im vorigen Abschnitt bereits andeutete.
- Die soziale Klassifikation in Männer und Frauen ist sehr basal und wird äußerst konsequent und streng betrieben. Es ist damit wirklich ein Musterbeispiel für eine Klasse. Und es ist auch (bisher) nicht möglich außerhalb dieser Klassifikation zu leben. Die Ernsthaftigkeit mit der die Geschlechtsklassifikation betrieben wird, trägt wahrscheinlich maßgeblich dazu bei deren allgegenwärtige und meist völlig unhinterfragte Selbstverständlichkeit im Alltag zu sichern: Sie fühlt sich an wie unser 'biologisches Erbe', wie etwas vollkommen Vor-gesellschaftliches.
- Die Tatsache, dass Alltagsverstand und Wissenschaft sich die Geschlechtseinteilung ganz unkritisch teilen, lässt Goffman, so interpretiere ich das, skeptisch werden.
Mittwoch, 7. November 2012
Baby, Geschlecht geheim
Eltern aus Toronto haben sich entschieden das Geschlecht ihres Babys "Storm" nur einem engen Kreis bekannt zu geben. Dann gab es ein Interview im Toronto Star und anfolgend einen Sturm der Entrüstung. Zu groß ist das Bedürfnis der meisten Menschen in unserer Gesellschaft das Geschlecht von Personen unmittelbar erkennen zu können. Es gibt eine Darstellungs- und Wahrnehmungspflicht des Geschlechts:
Exkurs: Ein auf spezifische Weise interessantes ähnliches Phänomen beschreibt Alison Lapper über Körperbehinderte und Prothesen: Dass nämlich die Prothesen mehr für die nicht-Behinderten sind, damit sie weiterhin in ihren gewohnten Wahrnehmungsmustern Behinderte anblicken können und sich nicht mit offensichtlich fehlenden Gliedmaßen auseinandersetzen müssen.
Die äußerst lesenswerte Veröffentlichung von Stefan Hirschauers Habilitation über Transsexualität bringt folgendes Fazit den Lesenden näher: Geschlecht ist eine ernste Sache. So ernst, dass Transsexuelle für den Übergang zum anderen Geschlecht mit einem brutalen, blutigen Ritual an ihrem Körper bezahlen. Der Film "Die Haut in der ich wohne" bringt diese Tatsache auf schockierende Weise den Zuschauenden näher und das nur in einem kleinen Detail der ganzen plastischen Prozedur vom Mann zu einer Frau zu werden.
Das Geschlecht ist so wichtig, dass viele Menschen zu großen Opfern zugunsten ihrer Geschlechtsidentität bereit sind. Aus dieser Perspektive ist es ist völlig klar, dass Menschen, die versuchen sich dieser ernsten und für das eigene Lebensgefühl so grundlegenden Sache zu entziehen, damit große Irritation, Unsicherheit und auch Ablehnung bis hin zu Hass auf sich ziehen.
In einem anderen Text (Hirschauer, Stefan (2001): Geschlechtsneutralität. Zur Praxeologie einer Kategorie sozialer Ordnung. In: Heintz, B. (Hrsg.): Geschlechtersoziologie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 41. Wiesbaden, S. 208-235) macht sich Hirschauer Gedanken über mögliche zukünftige Entwicklungen, die die heutige ganz und gar grundlegende Relevanz des Geschlechts reduzieren könnten. Er hat die Idee die Feststellung des biologischen Geschlechts (das ja immer komplexer wird, je intensiver man darüber forscht) könne irgendwann ganz in den Zuständigkeitsbereich von Spezialisten und Laboren fallen. Und dass dann das biologische Geschlecht eine Angelegenheit werden könne, die ebenso intensiv dem Datenschutz unterstellt wird, wie zur Zeit schon andere medizinische Daten. Dem Normalbürger im Alltag wäre dann die Geschlechtsdifferenzierung nicht mehr sicher möglich. Das ist sie streng genommen ja heute schon nicht, aber die Menschen würden dann im vollen Bewusstsein dieser Tatsache leben: Ich sehe andere Menschen, aber ich kann nur vermuten welches Geschlecht sie haben. Viele verbinden diese Idee dann mit einer Uniformität a la KZ-Häftling (Beispiel Martenstein). Ähnliches spricht Hirschauer mit mausgrauen Bürokrat/innen an. In der Realität gibt es jedoch auch andere Erscheinungsformen dieses Phänomens: Dass Menschen aus den älteren Generationen oft bei Menschen aus den Jugend-Subkulturen das Geschlecht nicht mehr eindeutig erkennen können. Den Leuten aus den entsprechenden Subkulturen ist dies meist ohne weitetes möglich. Aber die gesamten Möglichkeiten an Erscheinungsformen und "Fassaden"-Gestaltungsformen hat für beide Geschlechter gesamtgesellschaftlich so zugenommen, dass nicht mehr allen Gesellschaftsmitgliedern alle jeweiligen geschlechtsspezifischen Erscheinungsformen bekannt sind. Vielfalt kann also die Geschlechtsdifferenz ebenso verwischen, wie Uniformität.
Seitenzahlen zu den Texten von Hirschhauer bleibe ich schuldig, bis ich den Text, bzw. mein Exzerpt wiederfinde.
Das Geschlecht seines Kindes der Öffentlichkeit vorzuenthalten ist revolutionär und mutig. Es ist sehr konsequent freiheitlich, pluralistisch und individualistisch gehandelt. Und vielleicht wird diese Praxis irgendwann ebenso akzeptiert sein, wie sein Kind nicht religiös zu initialisieren, damit es als erwachsene Person frei wählen kann, ob es religiös sein möchte und wie.
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"Ein zentrales Merkmal der Geschlechtszuordnung ist die im 'moral fact' eingelassene Pflicht, die eigene Geschlechtszugehörigkeit auch sichtbar zu machen und die Geschlechtszugehörigkeit anderer 'wahrzunehmen'. Diese wechselseitige Übereinkunft, dass man ausreichend Hinweise biete, damit das Gegenüber eine 'verlässliche' Zuordnung vornehmen könne, macht Geschlecht omnipräsent in alltäglichen Situationen." (Katja Hericks, S. 59. Hericks bezieht sich hier auf Hirschauer 2001, siehe unten)
Die Entrüstung der Kritiker bringt also vor allem deren Bedürfnisse ans Tageslicht und weist nicht wirklich auf die Bedürfnisse des betroffenen Kindes hin.
Exkurs: Ein auf spezifische Weise interessantes ähnliches Phänomen beschreibt Alison Lapper über Körperbehinderte und Prothesen: Dass nämlich die Prothesen mehr für die nicht-Behinderten sind, damit sie weiterhin in ihren gewohnten Wahrnehmungsmustern Behinderte anblicken können und sich nicht mit offensichtlich fehlenden Gliedmaßen auseinandersetzen müssen.
Die äußerst lesenswerte Veröffentlichung von Stefan Hirschauers Habilitation über Transsexualität bringt folgendes Fazit den Lesenden näher: Geschlecht ist eine ernste Sache. So ernst, dass Transsexuelle für den Übergang zum anderen Geschlecht mit einem brutalen, blutigen Ritual an ihrem Körper bezahlen. Der Film "Die Haut in der ich wohne" bringt diese Tatsache auf schockierende Weise den Zuschauenden näher und das nur in einem kleinen Detail der ganzen plastischen Prozedur vom Mann zu einer Frau zu werden.
Das Geschlecht ist so wichtig, dass viele Menschen zu großen Opfern zugunsten ihrer Geschlechtsidentität bereit sind. Aus dieser Perspektive ist es ist völlig klar, dass Menschen, die versuchen sich dieser ernsten und für das eigene Lebensgefühl so grundlegenden Sache zu entziehen, damit große Irritation, Unsicherheit und auch Ablehnung bis hin zu Hass auf sich ziehen.
In einem anderen Text (Hirschauer, Stefan (2001): Geschlechtsneutralität. Zur Praxeologie einer Kategorie sozialer Ordnung. In: Heintz, B. (Hrsg.): Geschlechtersoziologie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 41. Wiesbaden, S. 208-235) macht sich Hirschauer Gedanken über mögliche zukünftige Entwicklungen, die die heutige ganz und gar grundlegende Relevanz des Geschlechts reduzieren könnten. Er hat die Idee die Feststellung des biologischen Geschlechts (das ja immer komplexer wird, je intensiver man darüber forscht) könne irgendwann ganz in den Zuständigkeitsbereich von Spezialisten und Laboren fallen. Und dass dann das biologische Geschlecht eine Angelegenheit werden könne, die ebenso intensiv dem Datenschutz unterstellt wird, wie zur Zeit schon andere medizinische Daten. Dem Normalbürger im Alltag wäre dann die Geschlechtsdifferenzierung nicht mehr sicher möglich. Das ist sie streng genommen ja heute schon nicht, aber die Menschen würden dann im vollen Bewusstsein dieser Tatsache leben: Ich sehe andere Menschen, aber ich kann nur vermuten welches Geschlecht sie haben. Viele verbinden diese Idee dann mit einer Uniformität a la KZ-Häftling (Beispiel Martenstein). Ähnliches spricht Hirschauer mit mausgrauen Bürokrat/innen an. In der Realität gibt es jedoch auch andere Erscheinungsformen dieses Phänomens: Dass Menschen aus den älteren Generationen oft bei Menschen aus den Jugend-Subkulturen das Geschlecht nicht mehr eindeutig erkennen können. Den Leuten aus den entsprechenden Subkulturen ist dies meist ohne weitetes möglich. Aber die gesamten Möglichkeiten an Erscheinungsformen und "Fassaden"-Gestaltungsformen hat für beide Geschlechter gesamtgesellschaftlich so zugenommen, dass nicht mehr allen Gesellschaftsmitgliedern alle jeweiligen geschlechtsspezifischen Erscheinungsformen bekannt sind. Vielfalt kann also die Geschlechtsdifferenz ebenso verwischen, wie Uniformität.
Seitenzahlen zu den Texten von Hirschhauer bleibe ich schuldig, bis ich den Text, bzw. mein Exzerpt wiederfinde.
Das Geschlecht seines Kindes der Öffentlichkeit vorzuenthalten ist revolutionär und mutig. Es ist sehr konsequent freiheitlich, pluralistisch und individualistisch gehandelt. Und vielleicht wird diese Praxis irgendwann ebenso akzeptiert sein, wie sein Kind nicht religiös zu initialisieren, damit es als erwachsene Person frei wählen kann, ob es religiös sein möchte und wie.
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Dieser blog ist nicht der Ort für Grundsatzdiskussionen zu biologischen Determinismen von Geschlecht, zur Sinnhaftigkeit verschiedener Forschungsansätze oder des Feminismus.
Freitag, 26. Oktober 2012
Goffman und das biologische Geschlecht
In diesem Blog möchte ich nicht nur meine eigenen Erlebnisse mit dem Aufwachsen meines Kindes dokumentieren, sondern mich auch mit den Möglichkeiten der Evaluation, der Erfassung und Analyse, von sozialer Praxis der Geschlechtskonstruktion und insbesondere des Doing Gender als einer interaktiven sozialen Praxis auseinandersetzen.
Im ersten Schritt werde ich dazu eine sehr dezidierte Auseinandersetzung mit dem Text »Das Arrangement der Geschlechter« von Erving Goffman vornehmen.
Übersetzung von Margarethe Kusenbach und Hubert Knoblauch im Buch »Interaktion und Geschlecht«, welches zwei Texte von Goffman, sowie eine Einleitung von Hubert Knoblauch und ein Nachwort von Helga Kotthoff enthält und auch von den beiden herausgegeben wurde. Ich verwende die Ausgabe von 1994. Der englische Originaltext »The arrangement between the sexes« erschien 1977 in 'Theory and Society'.
Kennt man auch Goffmans Buch "Rahmenanalyse", dann könnte man es auch so ausdrücken:
Wir neigen dazu unser Geschlecht und die Geschlechtsdifferenzen in einem "natürlichen Rahmen" wahrzunehmen. Diese Argumentation findet dabei bis heute ständig Anwendung:
Im ersten Schritt werde ich dazu eine sehr dezidierte Auseinandersetzung mit dem Text »Das Arrangement der Geschlechter« von Erving Goffman vornehmen.
Übersetzung von Margarethe Kusenbach und Hubert Knoblauch im Buch »Interaktion und Geschlecht«, welches zwei Texte von Goffman, sowie eine Einleitung von Hubert Knoblauch und ein Nachwort von Helga Kotthoff enthält und auch von den beiden herausgegeben wurde. Ich verwende die Ausgabe von 1994. Der englische Originaltext »The arrangement between the sexes« erschien 1977 in 'Theory and Society'.
"Das Geschlecht dient in modernen Industriegesellschaften, und offenbar auch in allen anderen, als Grundlage eines zentralen Codes, demgemäß soziale Interaktionen und soziale Strukturen aufgebaut sind; ein Code, der auch die Vorstellungen der Einzelnen von ihrer grundlegenden menschlichen Natur entscheidend prägt." (105)
"Aufgrund ihrer biologischen Gestalt können Frauen Kinder gebären, Kinder stillen und menstruieren, Männer jedoch nicht. Zudem sind Frauen im Durchschnitt kleiner, haben leichtere Knochen und weniger Muskeln als Männer. Etwas organisatorischer Aufwand wäre nötig, wenn auch unter modernen Bedingungen nicht allzu viel, wollte man spürbare soziale Folgen dieser körperlichen Gegebenheiten verhindern. Industriegesellschaften können neue ethische Gruppen verkraften, die beträchtliche kulturelle Unterschiede aufweisen, ebenso den ein Jahr oder länger dauernden Wehrdienst junger Männer, enorme Bildungsunterschiede, Wirtschafts- und Arbeitsmarktzyklen, die kriegsbedingte Abwesenheit von Männern jeder Generation und zahllose andere Turbulenzen der öffentlichen Ordnung. (...) Nicht die sozialen Konsequenzen der angeborenen Geschlechtsunterschiede bedürfen also einer Erklärung, sondern vielmehr wie diese Unterschiede als Garanten für unsere sozialen Arrangements geltend gemacht wurden (und werden) und, mehr noch, wie die institutionellen Mechanismen der Gesellschaft sicherstellen konnten, daß uns diese Erklärung stichhaltig erscheinen." (106 f., fett von mir)Meiner Meinung nach ist Goffman hier ziemlich deutlich: Die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die er nicht bestreitet, sind für ihn mitnichten die Ursache für die sozialen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Goffman interessiert sich überhaupt nicht für die biologischen Differenzen. Ihn interessiert ausschließlich, was aus diesen, wie er findet, relativ unbedeutenden biologischen Unterschieden in seiner Gesellschaft gemacht wird.
Kennt man auch Goffmans Buch "Rahmenanalyse", dann könnte man es auch so ausdrücken:
Wir neigen dazu unser Geschlecht und die Geschlechtsdifferenzen in einem "natürlichen Rahmen" wahrzunehmen. Diese Argumentation findet dabei bis heute ständig Anwendung:
- Prämisse A) Die Körper von Männern und Frauen zeigen unterschiedliche Merkmale.
- Prämisse B) Männer und Frauen werden sozial unterschiedlich behandelt.
- Konklusion C) Diese Unterschiede in der Behandlung werden durch die unterschiedlichen Merkmale des Körpers verursacht.
Goffman aber ändert die Perspektive:
- Prämisse A) Die Körper von Männern und Frauen zeigen unterschiedliche Merkmale. (Dies zweifelt er nicht an, wie es beispielsweise der Postfeminismus, etwa Judith Butler, tut. Er geht vielmehr darauf ein, dass diese Unterschiede zumindest in unserer modernen Gesellschaft ziemlich unbedeutend sind.)
- Prämisse B) Männer und Frauen werden sozial unterschiedlich behandelt. (Er spricht von sozialen Arrangements!)
- Konklusion C) Es gibt soziale Mechanismen, die die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nutzen, um die sozialen Arrangements zu sichern.
Und der Untersuchung genau dieser Mechanismen in interaktiven Situationen, sowie deren Bedeutung für die öffentliche Ordnung widmet sich Goffman in diesem Aufsatz.
Anmerkung: Goffman untersucht stehts soziale Situationen oder Interaktionen. Damit meinte er, Situationen in denen mindestens zwei Personen in gegenseitiger Wahrnehmung körperlich anwesend sind (für die gegenseitige Anwesenheit mag es im Detail Ausnahmen bei seinen Überlegungen zu Spionage u.ä. geben, was hier jedoch keine Rolle spielt).
Mit der öffentlichen Ordnung meint er nicht etwa das Wohlverhalten der Bürger auf öffentlichen Plätzen, sondern eher das Geordnetsein der interaktiven Begegnungen (hierzu kann man sowohl seinen Text "Interaktionsordnung" sowie sein Buch "Das Individuum im öffentlichen Austausch für eine dezidiertere Definition der Begriffe "öffentlich" und "Ordnung" heranziehen).
Fazit:
- Das Geschlecht dient als Grundlage eines zentralen Codes, demgemäß soziale Interaktionen und soziale Strukturen aufgebaut sind.
- Die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nutzt dieser Code, um die sozialen Arrangements der Geschlechter zu sichern und sie für seine Mitglieder als natürlich und damit selbstverständlich zu prägen. Diesen Mechanismus der Erhaltung des Geschlechtsarrangements nennt Goffman institutionelle Reflexivität.
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Donnerstag, 25. Oktober 2012
Bob
Heute in der Krabbelgruppe hat der Vater von Bob zu seinem Sohn "meine kleine Prinzessin" gesagt. Bei Gaby gab es dafür direkt die Nachfrage bei Bobs Mutter. Die reagierte nicht grade aussagekräftig. Jedoch deutete die an, dass Bobs Vater das häufiger sagt. Als Begründung dazu sagte er, dass ihr älteres Kind, ihre Tochter, so ganz anders gewesen wäre in dem Alter. Ein Wildfang, immer aktiv und neugierig. Kletterte überall drauf, spielte gern draußen und scherte sich nicht um Schmutz. Bob dagegen sei ziemlich ruhig, möge es gar nicht schmutzig zu werden und spiele gern mit Puppen oder Küchenspielzeug, was seine Schwester nie interessiert hatte.
Ich bin nicht so sicher, wie ich dieses Verhalten von Bobs Vater einordnen soll. Beide Eltern scheinen nicht die geringsten Ambitionen zu haben ihre Kinder von geschlechtsuntypischem Verhalten abzuhalten. Der Vater schien sogar auf beide Kinder deshalb stolz zu sein. Dennoch konnte ich nun schon zum zweiten Mal beobachten, dass er das Verhalten seiner Kinder trotzdem explizit als jungen- oder mädchenhaft labeln möchte.
Dies kann man nun ganz unterschiedlich deuten. Einerseits ist es natürlich ein Festhalten daran das Verhalten kleinster Kinder bereits unbedingt im Rahmen von Geschlechtsstereotypen wahrzunehmen. Aber andererseits ist das selbstbewusste Pochen darauf, dass es bei seinen Kindern 'andersherum' auftritt ja schon fast ein politisches Statement. So nach dem Motto: 'Seht ihr? Das geschlechtstypische Verhalten hängt nicht vom biologischen Geschlecht ab!' Ich bin ziemlich sicher, dass beides hineinspielt.
(Es ist eventuell ein Hinweis darauf, dass selbst bei emanzipierten Menschen das Geschlecht als Wahrnehmungsmuster sehr zentral bleibt.)
Ich bin nicht so sicher, wie ich dieses Verhalten von Bobs Vater einordnen soll. Beide Eltern scheinen nicht die geringsten Ambitionen zu haben ihre Kinder von geschlechtsuntypischem Verhalten abzuhalten. Der Vater schien sogar auf beide Kinder deshalb stolz zu sein. Dennoch konnte ich nun schon zum zweiten Mal beobachten, dass er das Verhalten seiner Kinder trotzdem explizit als jungen- oder mädchenhaft labeln möchte.
Dies kann man nun ganz unterschiedlich deuten. Einerseits ist es natürlich ein Festhalten daran das Verhalten kleinster Kinder bereits unbedingt im Rahmen von Geschlechtsstereotypen wahrzunehmen. Aber andererseits ist das selbstbewusste Pochen darauf, dass es bei seinen Kindern 'andersherum' auftritt ja schon fast ein politisches Statement. So nach dem Motto: 'Seht ihr? Das geschlechtstypische Verhalten hängt nicht vom biologischen Geschlecht ab!' Ich bin ziemlich sicher, dass beides hineinspielt.
(Es ist eventuell ein Hinweis darauf, dass selbst bei emanzipierten Menschen das Geschlecht als Wahrnehmungsmuster sehr zentral bleibt.)
Montag, 15. Oktober 2012
Und wieder der Teddybär
Kürzlich ist Ärztestreik und wer wird krank? Mein Kind. Also musste ich suchen und die einzige geöffnete Kinderarztpraxis in meiner Stadt finden. Termin, Baby in den Teddybären packen, hinfahren.
Die Sprechstundenhilfe begrüßt uns freundlich. Fragt nach der Kassen-Karte. Guckt auf die Karte: "Ohh, Emma. Ein Mädchen. Gar nicht in rosa, wie sonst immer alle." Ich freue mich.
Einen Tag später erfahre ich von einer Freundin mit zwei kleinen Töchtern: Sie hatte auch einen Teddybären-Overall, aber der war weiß. Aha. Bin ich jetzt korrekt im Bilde? Weibliche Teddybärenbabys sind weiß?
Da der Teddybär überall so gut ankommt, suche ich im Internet schon nach einem in Größe 80, damit wir weiterhin diesen Spaß haben. Bisher habe ich aber noch nicht zugeschlagen...
Die Sprechstundenhilfe begrüßt uns freundlich. Fragt nach der Kassen-Karte. Guckt auf die Karte: "Ohh, Emma. Ein Mädchen. Gar nicht in rosa, wie sonst immer alle." Ich freue mich.
Einen Tag später erfahre ich von einer Freundin mit zwei kleinen Töchtern: Sie hatte auch einen Teddybären-Overall, aber der war weiß. Aha. Bin ich jetzt korrekt im Bilde? Weibliche Teddybärenbabys sind weiß?
Da der Teddybär überall so gut ankommt, suche ich im Internet schon nach einem in Größe 80, damit wir weiterhin diesen Spaß haben. Bisher habe ich aber noch nicht zugeschlagen...
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