Freitag, 13. September 2013

Fußball, Ballerinas und Wildheit bei Mädchen

Mir ist kürzlich doch noch eine Anekdote aus der Krabbelgruppe eingefallen. Gaby sagte: "Also die Lola wird bestimmt mal später Ballett machen und die Emma wird später eher Fußball spielen." Ich fragte sie, wie sie darauf käme und sie antwortete: "So von ihrer Art her sagt mir das mein Gefühl." Lola ist klein und zierlich und ziemlich schüchtern. Emma ist relativ kräftig und erkundet ihre Umgebung stets mit erstaunlicher Angstfreiheit. Vor allen Dingen körperlich traut sie sich sehr viel zu, insbesondere was das Klettern betrifft.

Dann gab es kürzlich einen Vorfall beim Kinderarzt. Wir saßen im Wartezimmer und Emma war in ein rosa Ballerina-Outfit gekleidet. Eine Frau mit zwei Töchtern kam ins Wartezimmer. Das ältere Mädchen war ca. 6 Jahre alt. Das jüngere Mädchen war etwa 3 Jahre alt. Emma war nicht sehr gut drauf und begann etwas zu weinen. Dann sagte das jüngere Mädchen zu ihre Mutter: "Der kleine Junge weint." Darauf hin sagte die Mutter zu ihr: "Ich glaube das ist ein kleines Mädchen.", "Echt?" fragte die Tochter. "Ja, weißt Du, kleine Kinder die rosa tragen, das sind meistens Mädchen. Guck mal, du hast ein rosa T-Shirt an, und was bist Du: ein Mädchen oder ein Junge?" "Ein Junge!" antwortete sie promt. Ihre Mutter lachte und sagte: "Naja, von deinem Verhalten her könnte das hinkommen." Die große Schwester lachte darüber. Danach wurde das Thema nicht weiter vertieft. Im Wartezimmer saßen noch zwei weitere Mütter mit ihren kleinen Kindern.

Montag, 19. August 2013

Saure Gurkenzeit, oder was?

Ich bin ja sowieso nicht die ganz fleissige Bloggerin. Aber in letzter Zeit kommt mir nichts mehr unter, das ich für blogwürdig erachte. Die Krabbelgruppe ist in die Sommerpause gegangen und nach den Ferien dürfen wir nicht mehr kommen, weil das Kind dann zu alt ist. Es kann ja schon laufen. Unsere Gruppe wurde aufgelöst. Bald werde ich zum Kinderturnen gehen, mal sehen, was da so los ist. Ich war einige Male zum Probe-Kinderturnen und dort ist mir nichts aufgefallen. Die kleinen Mädchen und Jungen toben, die Eltern machen entweder mit oder sitzen am Rand und unterhalten sich oder lesen. Der Trainer, ein gutmütiger und äußerst kinderlieber Rentner, zeigte in meiner Anwesenheit kein auf die Kinder gerichtetes doing gender.

Kürzlich waren wir wieder Schuhe kaufen und ich konnte ein Gespräch verfolgen, in dem sich die Verkäuferin bei einer Kundin darüber beklagte, dass ihr Sohn bei seiner Hochzeit den Namen seiner Frau angenommen habe. Bei ihren Töchtern habe sie das ja erwartet, aber bei ihrem Sohn findet sie es schlimm. Sie erzählte dann, dass ihr Sohn und seine Frau einen sehr triftigen Grund für diese Entscheidung hatten (sie hat ein Haus und möchte nicht verpflichtet sein überall ihren Namen zu ändern... Er hätte dann zwar immer noch seinen Namen behalten können, aber diese Option kam wohl aus einem anderen Grund nicht in Frage, hatte vielleicht auch mit dem Haus zu tun). Doch trotz des triftigen Grundes, den sie nachvollziehen konnte, litt sie nach eigener Aussage sehr unter dem Namenswechsel. Erst kürzlich habe sie eine alte Bekannte getroffen, die gedacht habe, sie hätte ihren Sohn getroffen, dann aber seinen Nachnamen erfahren habe und deshalb gedacht hatte, es sei doch nicht ihr Sohn gewesen. Denn man rechnet ja nicht damit, dass ein Mann seinen Namen ändert. Das sei doch irgendwie schlimm. Das hatte natürlich alles nichts mit meiner Tochter zu tun, die diese ganze Unterhaltung sowieso nicht verstanden hat und mit anderen Dingen beschäftigt war.

Das einzige Thema, das weiterhin fortlaufend mit dem Herstellen von Geschlecht zu tun hat, ist eben Kleidung und zunehmend auch die Frisur. Emma ist jetzt anderthalb. Die meisten Jungen in ihrem Alter bekommen schon die Haare geschnitten (außer sie haben extrem langsam wachsendes Terminalhaar). Bei den Mädchen dagegen lassen es alle, die ich kenne, wachsen. Da wird eventuell der Pony geschnitten. Das bedeutet, dass jetzt langsam die Zeit beginnt, in der auch unabhängig von der Kleidung das Geschlecht erkannt werden kann. Wir lassen Emma das Haar auch wachsen und sie hat für ihr Alter bereits sehr langes, dichtes, gelocktes Haar. Passanten sind oft sehr angetan von ihrem Aussehen. Eine ältere Frau im Supermarkt sagte zu ihr: "Du siehst aus wie eine Käthe Kruse Puppe." Es gibt auch Jungen-Käthe-Kruse-Puppen, aber ich bin sicher, so eine meinte sie nicht. Selbst wenn Emma eine Mütze trägt, kann man die Locken überall herausblitzen sehen. Ich würde Stein und Bein darauf schwören, dass ich die Haare auch nicht geschnitten hätte, wenn sie ein Junge wäre. Ihr Vater hatte als Kind genau die gleiche Frisur und seine Mutter hatte lange die Locken nicht abschneiden zu lassen. Das führte schon dazu, dass viele Fremde dachten, er sei ein Mädchen. Aber abgesehen von meiner grundsätzlichen Begeisterung für die tollen Locken (ich wollte auch immer welche), stelle ich es mir bei meinem Kind auch sehr schwer vor, das überhaupt zu tun. Sie lässt nicht gern an sich herumfummeln, erst Recht nicht Fremde und ich würde niemals selbst die Haare schneiden.
Es würde mich interessieren, was andere Eltern hier für Erfahrungen gemacht haben, vor allem bei Jungen. Aber es gibt ja bestimmt auch Eltern, die ihren Töchtern die Haare kurz schneiden.

Samstag, 29. Juni 2013

Die Sache mit den Schuhen

Schuhe sind eine nützliche Erfindung, da sie die Füße vor der Witterung und unangenehmen Untergrund schützen.
Es ist ein beliebter Allgemeinplatz, dass Frauen Schuhe lieben. Ein Lieblingsstereotyp kann man sagen. Sicher gibt es auch eine Menge Frauen, bei denen das zutrifft. Ich gehöre nicht dazu. Selbständlich weiß auch ich den praktischen Nutzen von Schuhen zu schätzen. Ich achte darauf, dass meine Schuhe sich einigermaßen in mein sonstiges Erscheinungsbild fügen. Aber ich nenne eine überschaubare Anzahl von Schuhen mein eigen und habe keine besondere Freude am Schuhkauf (ebenso wenig wie am Kauf aller anderen Dinge. Ja, ich gebe zu: Shoppen finde ich, ist eine nervige Pflicht.)
Mein Kind hat zur Zeit ein großes Interesse an Schuhen. Sie versucht eifrig zu lernen sie anzuziehen. Wenn ihre Schuhe in Reichweite sind, kommt sie ständig mit ihnen an. Und auch uns schleppt sie unsere Schuhe ran, wenn sie sie in die Finger bekommt.
Wenn wir woanders sind und dort die Schuhe ausziehen (z.B. zu Besuch oder in der Krabbelgruppe, wo die Schuhe meist gut erreichbar auf dem Boden abgestellt werden), dann passiert es in aller Regel eher früher als später, dass sie uns erst ihre und dann unsere Schuhe bringt und das mit dem klaren Aufforderungscharakter: 'Los! Anziehen!'
Immer wieder bekommen wir dann einen Kommentar zu hören, wie "Typisch Frau, liebt Schuhe...".
Ich weiß natürlich, dass das von den Leuten nicht bierernst gemeint ist. Aber sie bringt uns ja die Schuhe, weil sie raus gehen will. Wenn man ihr und sich selbst die Schuhe angezogen hat, rennt sie zur Tür. Denn den Zusammenhang Schuhe = nach draußen gehen, kennt sie inzwischen. Drinnen in der Bude findet sie es langweilig. Sie möchte lieber draußen spielen. Und die Leute, die solche Kommentare machen, kennen die Zusammenhänge, in denen sie dieses Verhalten zeigt.
Wenn kleine Jungen deutlich machen, dass sie nach draußen möchten, dann ist das 'typisch Jungs'. Aber bei meiner Tochter wird es mit 'Typisch Frau = liebt Schuhe' assoziiert und kommentiert.

Freitag, 14. Juni 2013

Über meine Motivation diesen blog zu schreiben

Manch eine/r meiner wenigen Leser/innen fragt sich vielleicht, warum ich so einen eher langweiligen blog führe. Die Inhalte werden recht trocken dargelegt und ich beschreibe die Situationen ziemlich distanziert. Das ist alles andere als schillernd und nicht grade geeignet hunderte von Leser/innen zu gewinnen.
Es gibt zwei wichtige Gründe, warum dieser blog so ist, wie er ist: 1. Dokumentation und 2. Datenschutz.

1. Dokumentation
Ich habe ja schon einmal beschrieben, wie schwierig es für die Forschung ist die Geschlechtssozialisation auch nur einigermaßen vernünftig zu zu erfassen. Ich interessiere mich sehr für die vielen kleinen Aspekte der Geschlechtssozialisation, die sich so zusammensummieren. Abgesehen von meinem grundsätzlichen Interesse für Geschlechterforschung, gibt es auch noch einige biografische Bezugspunkte. Meine Eltern kamen sich nämlich immer sehr emanzipiert vor. Sie und viele ihrer Freund/innen rühmten sich einer geschlechtsneutralen Erziehung und dennoch war ich immer "ein richtiges Mädchen", war schlecht in Mathe und Naturwissenschaften und interessierte mich für Sprache, Kunst und Kultur. Ich mochte Ballet und nicht Fußball. Meine Eltern haben sich darüber nicht wirklich gewundert, aber in Diskussionen über dieses Thema fiel dann doch immer wieder die Formulierung, dass diese Geschichten der geschlechtsneutralen Eltern eben zeige, dass das Geschlecht eben doch biologisch dominiert wird. Ich kann mich aber noch an einige Vorkommnisse erinnern, die zu eben diesen Unfähigkeiten und Vorlieben beigetragen haben. Beispielsweise habe ich mir jahrelang einen Chemiebaukasten gewünscht. Meine Eltern haben diesen Wunsch vollkommen ignoriert. Ich weiß nicht ganz genau warum, ich glaube meine Mutter sagte irgendwann mal, dass sie befürchtet, dass ich die Einrichtung mit dem Chemiebaukasten ruiniere. Oder ich habe mehrfach gefragt, ob ich die alten Lego-Technik Sachen von meinem Onkel bekommen kann, die auf dem Dachboden herumlagen. Auch diese Frage wurde jedes Mal schlicht und ergreifend ignoriert. Was letztlich mit dem Zeug passiert ist, weiß ich nicht. Wenn ich aber Mädchenwünsche äußerte, dann wurde das doch zumindest thematisiert. Und mein Interesse für Sprache wurde immer sehr gefördert, u.a. mit Aufenthalten im Ausland, etc.
Das erklärt nun erstmal nur mein Interesse für das Thema Geschlechtssozialisation. Aber wie kam ich auf die Idee die Geschlechtssozialisation meines Kindes zu dokumentieren? Nun, da ich selbst in der Geschlechter- und Sozialforschung tätig war, habe ich eine Begeisterung für die qualitative Methodik entwickelt. Ich bewundere die Studie über die Arbeitslosigkeit von Marienthal. In dieser Studie nutzten sie auch Arten von "Tagebüchern" der Dorfbewohner(innen), um deren Situation zu verstehen. Danach wurden Tagebücher immer mal wieder Gegenstand empirischer Analysen. Besonders beeindruckend fand ich es in der ethnografischen Studie von Rebecca Fox über Heimtierhaltung. Sie ließ die Teilnehmer/innen ihrer Studie Heimtiertagebuch führen und wertete dies aus. So bekam sie sehr intime Einblicke in deren Beziehungen zu ihren Heimtieren. Als ich ihre Dissertation las, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass es für die Geschlechterforschung hilfreich sein könnte, wenn Menschen beginnen die Geschlechtssozialisation ihrer Kinder in Tagebuchform festhalten. Und ich beschloss dies auch zu versuchen. Deswegen versuche ich in meinem blog so neutral wie möglich meine Erfahrungen zu dokumentieren, was eben nicht grade zu einem unterhaltsamen Schreibstil führt.

2. Datenschutz
Mir ist durchaus bewusst, dass dieser blog öffentlich zugänglich ist. Ich möchte hier aber niemandem einer Öffentlichkeit aussetzen, die er oder sie nicht selbst steuern kann. Das gilt für mein Kind, wie auch für alle anderen Protagonisten dieses blogs. Daher veröffentliche ich nicht unter meinem Klarnamen und alle auftretenden Personen bekommen einen Decknamen und werden nicht so detailliert dargestellt, dass man sie leicht wiedererkennen könnte (ich möchte jedoch nicht ausschließen, dass es manchmal doch möglich ist, aber ich gebe mein Bestes dies zu verhindern). Ich verlinke den blog nicht mit meinem Facebook- oder Twitterprofil. Dadurch habe ich einige Einschränkungen, die meiner Dokumentationsabsicht deutlich abträglich sind. Daher werde ich in Zukunft für alle blog-Einträge auch noch echte Tagebucheinträge schreiben, wo ich alles offener und vollständiger dokumentieren kann. Wenn irgendwann ein/e Forscher/in Interesse an einer Auswertung hat, dann kann er/sie gern mit mir Kontakt aufnehmen.

Ich würde mich auch sehr freuen, wenn andere Menschen ebenfalls solche Tagebücher führen würden, um so einer breitere Grundlage für eine wissenschaftliche Auswertung zu schaffen. Selbst wenn diese Auswertung unter Umständen erst in 5, 10 oder 20 Jahren stattfinden wird.

Jedenfalls führt auch diese Anonymisierung aller Beteiligten dazu, dass mir die Tagebucheinträge nicht grade flüssig von der Hand gehen und dem/r Leser/in einen eher distanzierten Blick auf die Situation bescheren, der nicht grade zu fesseln vermag.

Ein richtiger Junge

Ein weiteres Treffen mit unseren Bekannten und dem in diesem Post schon erwähnten "wilden Jungen" Johannes. Diesmal war der Vater nicht dabei, sondern nur die Mutter. Sie hat sich schon Mühe gegeben den kleinen Johannes zu zügeln, denn nach wie vor war es für Emma eine Herausforderung mit ihm auszukommen. Als es zum Ende unseres Treffens kam, da war Johannes Mutter schon etwas erschöpft vom vielen Johannes im Auge behalten und dafür sorgen, dass Emma auch zu ihrem Recht kommt. Ich fand, dass Emma mit der Herausforderung ziemlich entspannt umgegangen ist, z.B. wenn Johannes ihr etwas wegnahm, dann hat sie sich was neues gesucht und nur wenn er ihr wirklich weh getan hat oder sie sehr erschrocken ist, hat sie etwas gejammert. Aber richtig geweint hat sie nie. Von daher war die Situation meiner Meinung nach entspannt. Johannes Mutter kommentierte das Verhalten ihres Sohnes sei schon anstrengend, er sei eben "ein richtiger Junge". Ein Bekannter, der zugegen war und sie schon lange kennt, fand die Aussage bemerkenswert, da sie eigentlich seiner Erfahrung nach nicht der Typ für das Runterspulen von Geschlechtsstereotypen sei und selbst als Kind auch ziemlich wild gewesen ist. Zudem fand er, dass der Ausspruch "Er ist eben ein richtiger Junge!" stolz geklungen hätte, genau wie er es zuvor beim Vater gemeint hatte, festzustellen.

Ich dachte mir: so ist das halt mit älteren Kindern, die stärker sind, die nehmen den kleineren Kindern alles weg was sie interessiert, die schubsen sie herum und zeigen übermütiges Schmuseverhalten, das die Kleinen nicht immer mögen. Emma ist in der Krabbelgruppe mit den kleineren Kindern auch nicht anders. Sie hat einen besonderen Trick, denn manchmal nähert sie sich anderen Kindern von hinten und umarmt sie. Diese sind davon jedes Mal völlig überrascht und weil sie in der Krabbelgruppe alle noch nicht so standfest sind, fallen beide um. Das umarmte Kind weint dann immer, egal ob männlich oder weiblich. Der Schreck ist zu groß. Emma weint nicht, sie weiß ja, was auf sie zukommt.

Kürzlich ist in der Krabbelgruppe auch wieder einmal was Interessantes passiert: Tizia war da und hatte ein sehr schickes Kleid an, mit Blumenmuster und Tüllunterrock. Ich sagte zu ihrer Mutter: "Ein hübsches Kleid hat Tizia da an." Die Mutter antwortete: "Ja, ich habe sie zur Feier des Tages mal fein rausgeputzt, aber Tizia benimmt sich wie immer." Tizia turnte wild überall herum. Darauf hin antwortete eine andere Mutter: "Sie sieht aus wie ein Mädchen und benimmt sich trotzdem wie ein Junge."


Donnerstag, 28. März 2013

die Hütte abreißen


Bevor ich zum eigentlichen Thema dieses Posts komme, hier noch eine Vorbemerkung: Einige Leute im Bekanntenkreis bekommen nun das zweite Kind. Wenn dies ein anderes Geschlecht als das erste Kind hat, dann höre ich zuweilen, dass man ja nun "alle neu kaufen muss". Ich weiß nicht genau, was "alles" ist. Ich vermute aber, dass es vor allem um die Kleidung geht.
Was meint Ihr dazu: Habt oder würdet Ihr Eurer zweitgeborenen Tochter die Klamotten des erstgeborenen Sohnes anziehen? Oder andersherum dem zweitgeborenen Sohn die Sachen der erstgeborenen Tochter?  (Ihr könnt das gern auf Dritt-, Viert- oder Fünftgeborene übertragen, oder auf geerbte Klamotten.) Würdet Ihr zu einer komplett neuen Garderobe neigen oder nur bestimmte - zu geschlechtseindeutige - Stücke aussortieren und ersetzen?


Nun zum eigentlichen Thema: In der Krabbelgruppe gab es zwei bemerkenswerte Vorfälle

Vorfall 1: Eine Mutter erzählt, dass sie sich regelmäßig mit 7 anderen Müttern und deren Babys im Wechsel zuhause treffen. Die Mütter essen zusammen einen Happen und die Babys spielen zusammen. Gabi fragt, ob die Babys, alle sind 18 Monate alt, den jeweiligen Gastgeberinnen nicht "die Hütte abreißen". Die Mutter verneint, sie würden immer eine Spielecke im Wohnzimmer vorbereiten, es sei kein Problem. Nun fragt Gaby: "Habt ihr hauptsächlich Mädchen in der Gruppe, dass das so gut funktioniert?". Die Mutter antwortet, es seinen zwei Mädchen und sechs Jungen. Gaby erzählt dann, dass sie sowas mit ihrem Sohn früher auch gemacht habe, aber die Jungen hätten immer so ein Chaos veranstaltet, dass es nach einiger Zeit zu stressig geworden sei.

Vorfall 2: Im Gruppenraum gibt es eine Schublade, in der Zeug ist, dass für Babys nicht so gut geeignet ist. Es sind Spielzeugautos, von denen sich leicht Kleinteile ablösen können. Emma und Flyn finden die Autos sehr attraktiv. Da Emma jedoch noch so ziemlich alles in den Mund steckt, versuche ich die Schublade vor dem Zugriff der Kinder zu schützen, indem ich eine Kiste vor die Schublade stelle. Schon als ich das tue, sage ich, dass das wahrscheinlich nur eine unzureichende Maßnahme ist, aber der Versuch schade nicht. Flyn schiebt ziemlich bald die Kiste weg und erneut sind die beiden mit den kleinen Autos zugange. Ich schiebe die Kiste wieder vor und Flyns Mutter entschuldigt sich für Flyns Verhalten. Bevor ich etwas antworten kann, sagt Gaby: "Das ist sein männlicher technischer Verstand." Niemand geht darauf ein.

Was mir in solchen Situationen immer wieder auffällt, ist dass ich kaum erlebe, dass die Eltern sich an diesen geschlechtlichen Verhaltensinterpretationen beteiligen. Gaby haut diese Aussagen raus und meistens folgt darauf von seiten der Eltern nur Schweigen. Da ich nicht den Eindruck habe, dass außer mir jemand in der Gruppe gendersensibilisiert sein könnte, bin ich doch immer verwundert, dass keiner mit Gabys Bemerkungen aufgreift.

Ich muss aber auch sagen, dass mir nun seit vielen Wochen in der Krabbelgruppe nichts Spezifisches zu diesem Thema mehr aufgefallen ist. Der Tag sticht daher mit seinen zwei Vorfällen deutlich aus den letzten Wochen heraus. Und ich muss auch erwähnen, dass es eine ganze Reihe von Geschehnissen gibt, die Hardliner/innen der stereotypen Geschlechtskonstruktion optimale Vorlagen bieten würden, und nicht genutzt werden. Solche Situationen könnte man als Undoing Gender bezeichnen. (Was Undoing Gender ist, wird recht kontrovers diskutiert). Ich werde in Zukunft versuchen, mir auch solche Vorfälle besser zu merken, um auch sie verstärkt dokumentieren zu können. Im letzten Krabbelgruppentreffen hat Emma an einem entlegenen Ende des Gruppenraums eine nackte Babypuppe entdeckt. Die Puppe war eines dieser lebensecht gestalteten Modellen aus recht weichem Plastik und sie hatte einen Penis und war komplett nackt. Emma nahm die Puppe und schleppte sie durch den Raum. Sie wurde intensiv beknabbert, auf den Boden geworfen, mit den Füßen herumgetreten, wieder aufgehoben und als es ans Aufräumen ging, holte Emma die Puppe sofort wieder zurück. Doch niemand kommentierte dies. Weiterhin hatten wir dieses Mal einen vier Monate alten Säugling dabei, den sich Lola sehr interessiert ansah. Lolas Mutter sagte, dass Lola sich immer für kleine Babys interessiere würde. Auch das wurde nicht kommentiert.

Aber noch etwas ist mir in der Krabbelgruppe aufgefallen. Die meisten Babys sind ja nun über ein Jahr alt und nun geht es den Jungen an die Haare. Paul, der Älteste in der Gruppe, hat eine richtige Jungenfrisur, also einen Haarschnitt. Flyn hat die Haare mit einem Haarschneider auf ca. einen halben Zentimeter getrimmt bekommen. Karlos und Bobs Haare sind noch untouchiert. Bei den Mädchen hat noch keine irgendwie die Haare gestutzt bekommen. Lola sieht man regelmäßig mit einer Haarspange.

Freitag, 22. März 2013

Wilde Jungs

Vor kurzem waren wir bei Bekannten zu Besuch. Die haben einen Sohn, er ist etwa ein Jahr älter als Emma. Nennen wir ihn Johannes. Johannes hat einen großen Bewegungsdrang und einen ausgeprägten Willen. Emma, die grade laufen kann, weiß auch, was sie möchte, aber wie alle Laufanfänger, steht sie noch etwas unsicher auf den Beinen. Johannes ging recht grob und unvorsichtig mit Emma um: Er nahm ihre Hand und zog sie mit sich, auch wenn sie das nicht wollte, er versuchte sich auf sie zu setzen, er trat auf ihre Hand und er versuchte auf sie zu springen. Sprich: er war nicht besonders rücksichtsvoll. Das kann man ja von einem zweijährigen Kind auch nicht unbedingt erwarten. Während die Mutter von Johannes und ich eine Zeit lang in der Küche waren, blieb Johannes mit den Väter und Emma im Wohnzimmer. Der Vater von Johannes sah dabei zu und kommentierte das Verhalten seines Sohnes mit Sprüchen wie:

  • "Er ist halt ein wilder Junge."
  • "So sind Jungs halt."
  • Die Frage, ob er das bei einem Mädchen anders erwarte, bejahte er.
Mein Mann war die ganze Zeit voller Sorge um unser Kind und hielt Johannes nach den oben genannten Vorfällen die restliche Zeit gründlich davon ab, Emma überhaupt zu berühren. Er war wirklich sehr verärgert, dass Johannes Vater keine Maßnahmen ergriffen hatte, um seinem Kind irgendwie begreiflich zu machen, dass es mit der jüngeren Spielkameradin vorsichtig umgehen muss. Vielmehr erschien es meinem Mann, als sei er im Grunde stolz auf das wilde Verhalten seinen Sohnes. Fairer Weise muss ich erwähnen, dass für Johannes Vater ja kaum Bedarf bestand direkt seinen Sohn an der Ausführung von unvorsichtigem Verhalten gegenüber Emma zu hindern, da mein Mann ja die ganze Zeit um Emma kreiste, wie ein Helikopter.
Anders bei der Mutter: Ich hatte Johannes Mutter dabei beobachtet, wie sie ihren Sohn im Umgang mit Emma genau beobachtete und ihn auch stets davon abhielt ihr weh zu tun und ihm erklärte, dass er mit ihr vorsichtig sein müsse: "Die Emma kann noch nicht so gut laufen, die kannst du nicht einfach an der Hand mitziehen.", etc.

Als ich später erfuhr, dass Johannes Vater das Verhalten seines Sohnes mit Verweis auf das Geschlecht erklärte und sogar noch meinte, dass Mädchen per se weniger "wild" seien, war ich doch schon erstaunt. Noch weiß ich nicht genau, wie ich die ganze Geschichte einordnen soll. Aber eines ist ganz klar: hier liegt ein glasklarer Fall von aktivem Doing Gender vor. Denn wenn einen die Bewegungsfreude und die "Wildheit" bei einem Jungen direkt als angeborenes männliches Verhalten interpretiert wird, dann ist es doch wahrscheinlich, dass daraus bestimmte Folgen im Erziehungsverhalten und allgemein in den Reaktionen auf das Kind entstehen. Andererseits frage ich mich auch, ob die große Vorsicht, die mein Mann zeigte, nicht wiederum auch Doing Gender war. Wäre er vielleicht weniger besorgt gewesen, wenn wir einen Sohn hätten?

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Samstag, 16. März 2013

Spielzeug 0-12 Monate

Angeregt durch diesen Artikel beschäftige ich mich heute mit dem Spielzeug für Babys und unseren Erfahrungen. Ich habe es bisher nicht thematisiert, weil es, wie ich es empfunden habe, für Babys sehr viel geschlechtsneutrales Spielzeug gibt und sich Geschlechtszuordnungen, wenn vorhanden, auf die rosa/blau Färbung beschränken. Für ältere Kinder dagegen gibt es beim Spielzeug zahlreiche inhaltlich-funktionale Unterschiede.

Da mein Kind nun ein Jahr alt ist und die Zeit der eindeutiger geschlechtsspezifischen Spielzeuge beginnt, ist es vielleicht sinnvoll, das erste Spielzeug-Jahr zu resümieren.

Selbstverständlich haben wir viel Spielzeug. Das gilt wohl für fast alle Babys heutzutage und wird regelmäßig von älteren Mitbürger/innen kritisiert, die häufig noch in der Nachkriegszeit unter Mangel aufgewachsen sind. Sie finden oft, dass das viele Spielzeug, das Kinder heute haben, zu einer Überreizung führe. Allerdings sind sie in Form von Großeltern und anderen Verwandten oft begeisterte Spielzeugschenker/innen. Ich habe ganz subjektiv den Eindruck, dass Jungen von Verwandten und Freund/innen der Eltern eher Spielzeug geschenkt bekommen und Mädchen häufiger Kleidung. Aber hier ist mein Erfahrungswert wirklich denkbar begrenzt und mich würde mich interessieren, welche Erfahrungen andere gemacht haben.

Was allerdings auch stimmt, ist dass Babys an Spielzeug häufig nicht so großes Interesse haben, sondern lieber die ganz normalen Dinge erkunden, Emma liebt zum Beispiel: Schneebesen, Steine, Klopapierrolle, eine knisternde Tüte, Schlüssel, Bücher, leere Kartons, die Brieftasche, ein Korb mit Wäsche, Papas Brille, Flaschen, Schuhe, etc. Doch je ängstlicher man als Eltern ist, desto weniger traut man sich das Kind mit diesen normalen Dingen spielen zu lassen. Die könnten gefährlich sein (und viele Dinge, für die sich Babys brennend interessieren, sind ja auch gefährlich). Spielzeug ist schließlich mit einem CE-Siegel versehen, oder besser noch mit Öko-Tex-Siegel oder von Stiftung Warentest oder Stiftung Öko-Test für gut befunden worden. Mein Mann gehört zu diesen eher ängstlichen Eltern. Ich werde von ihm oft gerügt, weil ich dem Baby irgendwelche Sachen gebe, die nie als Spielzeug geplant waren.

Das meiste Spielzeug haben wir nicht selbst gekauft. Im ersten Lebensjahr haben wir um die 10-15 Spielzeuge für unser Kind gekauft. Der große Rest ist geerbt oder geschenkt worden. Der allergrößte Teil davon ist meiner Meinung nach wirklich geschlechtsneutral. Die restlichen Dinge will ich hier in ihrem Kontext der Aufnahme in unseren Haushalt aufzählen:
  • 2 im rosa Dress gekleidete Püschtier-Spieluhren. Ich habe sie gekauft, weil sie in rosa so deutlich günstiger waren, als in allen anderen Farben.
  • 1 rosa Schmusetuch. Geschenk von einer Frau um die 50.
  • 1 Plüschtier-Einhorn mit rosa Glitzerhorn. Es war ein Geschenk von einem Mann Mitte 40. Wir dachten erst, es sei eine Anspielung auf den Film "Ich. Einfach unverbesserlich". Das war aber nicht der Fall. Seither steht das Einhorn auf dem Schrank, weil mein Mann es zu kitschig findet.
  • 1 kleine rosa Rasselpuppe. Geschenk eines achtjährigen Mädchens.
  • 1 Stoffhandtasche in Form einer Erdbeere. Die habe ich gekauft, weil ich sie cool fand. Das Baby liebt vor allem die Schnur zum Zuziehen an deren Ende ein Stoffblatt ist.
  • 1 kleine rasselnde Stoffmaus in rosa. Geschenk einer Frau Mitte 20. Allerdings hatte ich mit ihr und dem damals 7 Monate alten Baby im Kaufhaus vor den Babyspielsachen gestanden und ihr alle möglichen Spielsachen hingehalten, damit dem Baby das geschenkt würde, was ihr auf Anhieb gefiele. Sie entschied sich für diese Maus, die gab es auch in blau, aber die hat wesentlich belanglosere Geräusche gemacht. Diese Maus war sofort der Renner und ulkiger Weise war sie auch noch das günstigste Spielzeug in der ganzen Abteilung.
  • 1 rosa Stoffhase. Geschenk eines Mannes Mitte 30. Emma findet ihn gruselig, den Hasen meine ich.
  • 1 Musik-Activity-Center mit deutlichem rosa-lila-Akzent. Das war ein Geschenk der Großeltern zu Weihnachten, aber wir haben es ausgesucht. (Das Ding funktioniert jetzt schon nicht mehr einwandfrei.) Wir waren damals kurz vor Weihnachten ziemlich in Eile, als wir es ausgesucht haben. Zuerst fanden wir nur dieses rosa-lila-Ding, das unseren Ansprüchen genügte. Wir haben es dem Baby gezeigt und es reagierte sehr interessiert. Später entdeckte ich dieses Center mit den gleichen Funktionen nochmal in einer bunten Version ohne rosa-lila. Ich wollte dann lieber dieses Neutralere nehmen, aber das Baby klammerte sich bereits an das rosa-lila Ding und mein Mann meinte, dann könnten wir das genauso gut behalten. Sie beschäftigt sich ganz gut mit dem Musikcenter, jedoch gibt es meiner Meinung nach daran etliches auszusetzen, etwa dass die Knöpfe und die Lieder nicht fest zusammengehören, sondern nach dem Zufallsprinzip abgespielt werden. Aber dies ist ja keine Produktbewertung, deswegen gehe ich hier nicht ins Detail.
  • 1 rosa Lauflernplastikrad in Ponyform. Es gibt einen Knopf zum Musikmachen und vorn einen Korb mit einer Puppe drin. Auf der Puppe, die weitgehend rosafarben ist, steht "Babys 1st Doll". Es ist tatsächlich ihre erste Puppe. Hierbei handelt es sich um ein Geschenk der Großeltern zum ersten Geburtstag und sie haben es diesmal selbst ausgesucht. Meiner Meinung nach ist es das erste Spielzeug, dass deutlich weibliche Geschlechststereotype über die Farbe rosa hinaus anspricht: Diese Ponyform und die Puppe. Google sagt jedoch: Es gibt das Teil auch in nicht-rosa... Bisher kann Emma darauf noch nicht fahren, aber sie liebt den Knopf zum Musikmachen. Die Puppe findet sie solala, aber der Korb ist toll, da werden ganz gern Bauklötze und andere Dinge hineingetan.
  • Autos: Wir besitzen zwei Spielzeugautos, eins aus Plastik mit einer tollen Rassel dran, das alle Babys in der Krabbelgruppe unabhängig vom Geschlecht sehr toll finden. Es ist geerbt/geliehen von einem Jungen. Dann habe ich noch ein lustiges Holzauto gekauft, das so rumpelig fährt. In den Händen des Babys ist es eine gefährliche Waffe. Ich finde nicht im geringsten, dass Autos für "Jungs" sind, aber da das oft so dargestellt wird, zähle ich sie hier mit auf. Die Autos sind beide rot.
  • Zur Geburt haben wir von Freunden eine Handpuppe bekommen: einen Ritter. Ritter und Burgen... sowas gilt ja gemeinhin als Bastion der Männlichkeit. Emma liebt den Ritter. Sie hat noch zwei weitere Handpuppen: Einen Marienkäfer und einen Bären. Der Ritter ist jedoch ihr Favorit.
Fazit: 10 Spielzeuge (mit Akzenten) in "Mädchenfarben". 3 Spielzeuge, die als "Jungenspielzeuge" gelten könnten.
Auch in der Krabbelgruppe habe ich bisher kaum geschlechtsspezifisches Spielzeug wahrgenommen und ich habe auch nicht bemerkt, dass Eltern in diese Richtung Bemerkungen gemacht hätten.

Ich kann mir wirklich nur schwer vorstellen, dass das Spielzeug in diesem ersten Lebensjahr tatsächlich ein bedeutender Baustein in Emmas Geschlechtssozialisation war. Auf anderweitige Meinungen oder Erfahrungen bin ich gespannt.


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Montag, 4. März 2013

Ich nehm' alles zurück ;-)

Heute waren wir mit dem Buggy unterwegs. Der Buggy ist innen Pink ausgekleidet und sonst schwarz. Emma trug eine lila-geblümte Hose, blaue Schuhe und eine blaue Jacke mit Lila am Bündchen und an der Kapuze. Die Mütze war grau mit dezent rotem Muster (nein, ich finde nicht, dass es sich mit dem Lila beißt). Meinen Erfahrungswerten nach, wäre sofort erkenntlich gewesen, dass sie ein Mädchen ist.

Wir trafen eine ältere Dame, die ebenfalls mit einem Buggy unterwegs war. Darin saß ein weitgehend rosa gekleidetes Kind im gleichen Alter wie Emma. Die Frau rollt sofort auf uns zu und stellt den Buggy so, dass sich die Kinder angucken können. Und sie fragt uns: "Ist das ein Junge oder ein Mädchen?". "Ein Mädchen.", "Ja, siehst Du xy, ein Mädchen, genau wie du." sagt sie zu dem Kind.

Ich glaube, die Frau hat nicht aus reiner Interaktionsfreude gefragt. Die war sich wirklich nicht sicher und hatte kleine Lust groß um den heißen Brei zu denken. Daher war ich durch die Frage schon etwas überrascht.

Freitag, 25. Januar 2013

Willst du ein Brüderchen oder Schwesterchen?

Wenn das zweite Kind im Anmarsch ist, dann fällt früher oder später die Frage ans erste Kind, welches Geschlecht beim jüngeren Geschwister erwünscht wird. Und es gibt die passenden Kommentare:
»Mit einem Bruder kannst du Fußball spielen. Mädchen interessieren sich doch nur für Puppen.«
Live O-Ton.
Da fällt mir auch nichts mehr zu ein...

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Sättigung?

In der letzten Zeit war ich des Bloggens etwas müde. Ich vermute, dass es unter anderem daran liegt, dass zur Zeit eine gewisse Sättigung in meinem Erkenntniszugewinn vorliegt. Babys in dem Alter geben einem hauptsächlich drei Möglichkeiten mit Doing Gender auf sie zu reagieren:

  1. Man kann ihre 'Fassade' geschlechtsstereotyp gestalten (ob dies Doing Gender ist, werde ich an anderer Stelle diskutieren). So gut wie alle Menschen erwarten heutzutage, dass auch bei Babys das Geschlecht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Dabei gilt die Formel, dass alle Rottöne (rosa, rot bis lila) und gewisse Applikationen, wie etwa Spitze, sowie gewisse Motive, wie etwa Blümchen, einen Hinweis auf Weiblichkeit geben. Das bedeutet weiterhin, dass alle anderen Farben, so auch grün und gelb, ohne additive weibliche Hinweise, als männlich wahrgenommen werden.
    Eine Begebenheit beim Spaziergang verdeutlichte mir, wie zügig die Menschen weibliche Details erkennen können. Emma saß in ihrem grauschwarzen Kinderwagen und trug eine dunkelblaue Jacke. Eine fremde Frau, mit der ich eine kurze Unterhaltung führte, war sofort in der Lage sie als Mädchen zu identifizieren, weil das Innenfutter der Kapuze aus fliederfarbenem Teddystoff besteht, der in einer Borte die Außenseite der Kapuze umrandet. Eine andere Frau, der wir beim Einkaufen von Babykleidung mehrmals begegneten, sagte zu mir meine Tochter sei wohl eher ein 'Tomboy', weil sie Emma in dem hellbraunen Teddyanzug für einen Jungen gehalten hatte und ihr wahres Geschlecht 'erkannte', als ich ihr eine lilafarbene Jacke anprobierte. Weiß erscheint mir die einzige weitere Farbe, die auch verstärkt weiblich konnotiert ist bei Babykleidung. Die weiblichen Teddy-Anzüge etwa, die ich im Internet gefunden habe, waren oft weiß, die männlichen beige.
    Weiterhin ist mir aufgefallen, dass so gut wie alle Eltern und Großeltern, mit denen ich darüber sprach, diese geschlechtsdifferenzierte Babykleidung mögen und 'süß' finden. Bei amazon und ebay ist es teilweise (!) möglich explizit nach geschlechtsneutraler Babykleidung zu suchen. Es gibt natürlich auch gewisse Basics, die häufig geschlechtsneutral sind, wie etwa Bodys. Aber dennoch sind mir bislang nur in Ausnahmefällen geschlechtsneutral gekleidete weibliche Babys aufgefallen. Da das Spektrum für Jungen so breit ist, könnte man hier öfter mal sagen: "Naja, das könnte ja auch ein Mädchen tragen." Aber so wirkt die Erkennbarkeit bei männlichen Babys im Vermeiden von weiblichen Farben, Motiven, Applikationen und Accesoires und die Erkennbarkeit von weiblichen Babys genau umgekehrt im Verwenden ebendieser. Das scheint auf das Prinzip der Sonderstellung des Weiblichen und der Neutralität des Männlichen hinzuweisen. Ich würde spontan annehmen, dass dies bei der Kleidung für Erwachsene nicht mehr so ist. Wobei auch hier Männer meistens alle Zeichen von Weiblichkeit an ihrer Kleidung vermeiden. Aber Frauen steht ein weites Spektrum an Farben und Formen zur Verfügung. Dies ist wahrscheinlich darin begründet, dass Erwachsene durch die Gestaltung ihres unmittelbaren Körpers bereits vielfach recht eindeutig ihr Geschlecht kommunizieren. Jetzt auch mal abgesehen von Frisur und Schminke, hat ein erwachsener Mensch die Körpersprache und Mimik seines Geschlechts meist derart verinnerlicht, dass immenses Training notwendig ist, will man erfolgreich das andere Geschlecht vortäuschen. Dies fehlt bei Babys komplett und deswegen MUSS die Erkennbarkeit des Geschlechts durch die Kleidung übermittelt werden.
  2. Die Interpretation des Verhaltens von Babys. Weint ein Baby, wird dies häufig als weibliches Verhalten gedeutet. Ich kann hier leider nur auf Vorfälle in der Krabbelgruppe zurückgreifen. Jedoch wurde kleinen Mädchen mehrfach bescheinigt, wie ein 'richtiges Mädchen' zu weinen und kleinen Jungen 'wie ein Mädchen' zu weinen. Aktives und erkundendes Verhalten wurde häufig als typisch für Jungen gedeutet. Bei Mädchen wird das gleiche Verhalten unkommentiert belassen. Schüchternheit dagegen wird bei Mädchen als weibliches Verhalten expliziert. Auch hier verfüge ich nur über Erfahrungen in der Krabbelgruppe.
  3. Verhalten in der Interaktion mit dem Baby. Und jetzt kommt der große Knackpunkt. Wie soll ich wissen, ob die Art wie wir mit den Babys umgehen geschlechtsspezifisch unterschiedlich ist? Wird ein Mädchen eher getröstet, wenn es weint? Wird ein Junge mehr ermuntert, seine Umwelt zu erkunden? Das größte Problem daran ist die IMMENSE Spannbreite des individuellen Verhaltens. Sowohl wir als Eltern verhalten uns per se alle sehr unterschiedlich, als auch dass wir auf jedes Kind unabhängig vom Geschlecht bereits unterschiedlich reagieren. Hier kann also geschlechtsspezifischer Umgang mit dem Kind eigentlich nur erkannt werden, wenn es verbalisiert wird. Aber selbst diesen Verbalisierungen ist nicht zu trauen. Auch Introspektion hilft kaum weiter, weil ich ja als Elternteil nur eine begrenzte Zahl von Kindern groß ziehe, die ich alle als sehr individuell wahrnehme. Ich bin da ja wahrscheinlich sogar als gendersensibilisierter Mensch mehr als genug blinden Flecken unterlegen. Dies ist wohl leider ein Bereich, und zwar ein ausnehmend bedeutender, der der Feldforschung  vorenthalten bleibt. Man bräuchte wirklich ganz andere Mittel, wenn man das Phänomen der Geschlechtssozialisation empirisch qualitativ wie quantitativ sauber erforschen möchte.
Wie eine sozialwissenschaftliche Forschung aussehen müsste, die den Punkt 3 einigermaßen valide bearbeitet, möchte ich hier einmal kurz skizzieren:
  • In einer intensiven Vorbereitungsphase müsste man sowohl theoretisch, wie auch qualitativ-empirisch herausarbeiten, welche bedeutenden für die Geschlechtsdifferenz relevanten Verhaltensweisen und Reaktionen Eltern gegenüber ihren Kindern zeigen können. Etwa: Das Baby beginnt zu weinen, wie lange wartet die Betreuungsperson, bis sie zum Baby geht und was tut sie dann? Allein bei dieser recht einfach erscheinenden Frage gibt es viele Variablen zu beachten: Man müsste z.B. unterschiedliche Arten von Weinen und Schreien von Babys ausmachen und dies empirisch objektivierbar machen. Man müsste einen Katalog an relevanten Verhaltensweisen plus dazugehörige Beobachtungsschemata zur Einordnung der Verhaltensweisen ausarbeiten.
  • In einer groß angelegten empirischen Phase müsste man dann Elternverhalten audiovisuell dokumentieren und zwar in den Bereichen: Privat (z.B. zuhause, zu Besuch bei Verwandten), halböffentlich (z.B. Krabbelgruppe, Babyschwimmen) und öffentlich (z.B. Spielplatz, Ladenlokale). Die größte Validität würde sich durch eine Panelanalyse ergeben, das bedeutet, dass die selben Eltern über einen längeren Zeitraum, sagen wir mal für die ersten vier Lebensjahre des zur Studie gewählten Kindes, immer wieder aufgezeichnet werden in der Interaktion mit ihrem Kind.
  • Parallel dazu wäre es sinnvoll, die Eltern zu befragen, nicht nur für die Erfassung der sozioökonomischen Labels, sondern auch um Besonderheiten der aktuellen Lebenslage zu erfassen, etwa entstandene Stressoren.
  • Die Gruppe der Teilnehmenden müsste im besten Fall randomisiert ausgewählt werden und mehrere Tausend Zielkinder in der Interaktion mit ihren Eltern umfassen. (Eine Drop-out-Analyse derjenigen, die sich weigern an der Studie teilzunehmen, wäre unbedingt von Nöten.) Sollte eine randomisierte Auswahl nicht möglich sein (was bereits der Fall ist, wenn die Teilnehmerzahl zu klein ist), müsste man versuchen einen möglichst breiten Zugang zu finden, sowohl geografisch, wie auch sozioökonomisch/ milieudifferenziert. 
  • Dieses audiovisuelle Material müsste dann entsprechend des Katalogs und der Beobachtungsschemata von zwei unabhängigen Personen einsortiert werden, strittige Fälle würden einer Supervision unterzogen.
  • Die dadurch entstehenden Daten kann man dann mit den entsprechenden Formeln durchrechnen.
  • Weiterhin wäre es sinnvoll, das audiovisuelle Material zum Teil auch einer ergebnisoffenen und freien Interpretation zugänglich zu machen (bspw. alle Szenen, die in die Supervision aufgenommen wurden, sowie einige stichprobenartige Szenen), um so eventuell entstandene Erkenntnislücken des Katalogs und der Beobachtungsschemata zu finden. Dies würde sicherlich die laufende Überarbeitung des Katalogs und der Beobachtungsschemata notwendig machen, was bedeutet, dass das Material, das bereits bearbeitet wurde, unter Umständen erneut gesichtet werden müsste.
  • Es wäre auch denkbar bestimmte, als Schlüsselszenen ausgemachte Abschnitte des Materials mit den Eltern gemeinsam anzuschauen und sie dazu zu befragen, um zusätzliche introspektive Informationen zu bekommen.
Ich denke jeder Leserin, jedem Leser dürfte klar sein, dass ein solches Forschungsunterfangen nicht nur extrem kostenintensiv wäre, sondern auch forschungspraktisch vor zahllosen, kaum überwindbaren Hindernissen stünde. Welche Eltern würden schon zulassen, dass man in ihren Privaträumen eine Videoüberwachung installiert? Weiterhin müsste man mit vielen empirischen Effekten rechnen, etwa Beobachtungseffekten und eine Sensibilisierung mancher Eltern auf das Thema, die sonst nicht eingetreten wäre, etc.
Ein weiteres Problem möchte ich anhand eines Beispiels aus meinem eigenen Leben kurz schildern:
Als ich im Grundschulalter war, da wünschte ich mir einen Chemiebaukasten. Wenn meine Eltern mich fragten, was ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten haben wolle, äußerte ich regelmäßig diesen Wunsch. Er wurde mir jedoch nie erfüllt. Mehrmals fragte ich meine Eltern, warum sie sich weigerten mir einen Chemiebaukasten zu kaufen und sie äußerten dann die Sorge, dass ich damit das Wohnungsinterieur beschädigen könnte. Dann gab es Lego-Technik-Spielzeug von meinem Onkel auf unserem Dachboden. Mehrmals fragte ich meine Eltern, meinen Onkel und meine Großeltern, ob ich dieses Spielzeug nicht haben könne, aber dieser Wunsch wurde beharrlich ignoriert. Sie sagten einfach gar nichts dazu.
Da meine Eltern keinen Sohn hatten, kann ich nicht beurteilen, ob ihm bezüglich des Chemiebaukastens und des Lego-Technik-Spielzeugs das gleiche Schicksal widerfahren wäre. Ich will meinen Verwandten auch gar keinen Vorwurf machen, ich meine nur, dass ein solches Ignorieren, sowohl von verbalen Äußerungen des Kindes, wie auch von bestimmten Verhaltensweisen, einen sehr effizienten Einfluss beispielsweise auf die spätere Berufswahl nehmen kann, dass es sich hierbei aber nur um sehr kurze und seltene Szenen in meiner Lebensgeschichte handelt.
Worauf ich damit hinaus will: Es können sehr vereinzelte und kurze Interaktionssequenzen zwischen Eltern und Kindern vorkommen oder eben NICHT vorkommen, die eine immense Auswirkung auf das weitere Leben oder viel später getroffene Lebensentscheidungen haben können. Und je früher diese Sequenzen vorfallen oder NICHT vorfallen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sich ein dazu befragter Erwachsener noch daran erinnern kann.
Und da man unmöglich die ersten vier Lebensjahre von untersuchten Kindern (oder eben einen gewählten Zeitabschnitt, innerhalb dessen sich die Geschlechtsidentität herausbildet) komplett audiovisuell dokumentieren und auswerten kann, sondern immer nur einen vergleichsweise geringen Teil, ist die Chance statistisch gesehen relativ hoch, dass entscheidende Situationen eben nicht dokumentiert sind. Und selbst wenn solche Szenen dokumentiert sind, so bleibt der auswertenden Beobachertin/ dem auswertenden Beobachter weitgehend vorenthalten, wie tief der Eindruck ist, den bestimmte Vorfälle bei den beobachteten Kindern hinterlassen, welche genauen Gefühle sie auslösen, welche Erinnerungen sie daran behalten und welche Schlussfolgerungen für ihr eigenes Handeln sie daraus ziehen. Und mit Kindern kann man auch bedeutend schlechter, als mit Erwachsenen, solche Szenen später gemeinsam reflektieren, da sowohl Introspektion, als auch Reflexion Fähigkeiten sind, die erst im Laufe der Kindheit bis in die Adoleszenz hinein entwickelt werden (können).

Meine Arbeit an diesem Tagebuch kann man also nur verstehen als die Vor-Vorarbeit zu einer wenn überhaupt, dann erst in weiterer Zukunft stattfindenden umfassenden Erhebung und Analyse der Geschlechssozialisation. Es sind nichts weiter als ergebnisoffene Notizen einer geschlechtssensibilisierten Mutter, die versucht im Dickicht der Lebenswelt einzelne Fäden aufzunehmen und ihnen zu folgen, um wenigstens einen groben Eindruck davon zu bekommen, welche Meilensteine der Geschlechtssozialisation sie vorfinden kann.


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Mittwoch, 14. November 2012

Goffman: Geschlechtsklassen

"In allen Gesellschaften werden Kleinkinder bei ihrer Geburt der einen oder anderen Geschlechtsklasse zugeordnet, wobei diese Zuordnung durch das Ansehen des nackten Kinderkörpers, insbesondere der sichtlich dimorphen Genitalien geschieht - eine Zuordnugspraxis, die derjenigen ähnelt, die bei Haustieren vorgenommen wird. Diese Zuordnung aufgrund der körperlichen Gestalt erlaubt die Verleihung einer an das Geschlecht gebundenen Identifikationskette. (...) In den verschiedenen Phasen des individuellen Wachstums wird diese Klassifizierung durch Kategorien für weitere körperliche Anzeichen bestätigt, von denen einige dem allgemeinen Wissensbestand angehören, andere (wenigstens in modernen Gesellschaften) von den Wissenschaften entwickelt wurden und beispielsweise als Chromosomen, Gonaden und Hormone bezeichnet werden. Jedenfalls betrifft die Einordnung in die Geschlechtsklassen fast ausnahmlos die gesamte Population und beansprucht lebenslange Geltung. Somit liefert sie ein Musterbeispiel, wenn nicht sogar den Prototyp einer sozialen Klassifikation. Zudem scheint uns in modernen Gesellschaften die soziale Einteilung in Frauen und Männer in völligem und getreuem Einklang mit unserem 'biologischen Erbe' zu stehen und kann daher unter keinen Umständen verleugnet werden. Wir haben es mit einer einzigartigen Übereinstimmung zwischen dem unmittelbaren Verständnis der einfachen Leute und den Erkenntnissen aus Forschungslaboratorien zu tun. (...)
Ich möchte deshalb wiederholen, daß ich unter dem Begriff Geschlechtsklasse ('sex class') eine rein soziologische Kategorie verstehe, die sich allein auf diese Disziplin und nicht auf die Biowissenschaften bezieht." (S. 107 ff.)
In diesem zugegeben sehr langen Zitat finden sich eine Menge zentrale Punkte:
  • Die Zuordnung des Geschlechts erfolgt direkt nach der Geburt durch die Betrachtung des nackten Kinderkörpers und wird anhand der sichtbaren Genitalien vorgenommen. Heute, das beschrieb ich schon mal hier, wir die Geschlechtszuordnung ja bereits häufig vor der Geburt betrieben. So weit es jedoch ausschließlich per Sonografie geschieht, erlangt erst der Blick auf das nackte Neugeborene zu einer rechtsgültigen und endgültigen Klassifikation. Es gibt immer wieder Fälle, wo die Diagnose der Sonografie falsch war. Hat man anhand von Biopsiematerial eine Genanalyse während der Schwangerschaft durchführen lassen, so wird diese Genanalyse wahrscheinlich mehr Gültigkeit besitzen, als der Blick auf das Neugeborene. Solche Möglichkeiten gab es für die breite Bevölkerung noch nicht, als der Artikel entstand. Goffman merkt dennoch in einer Fußnote an, dass es bei der Zuordnung zur Geschlechtsklasse auch Abweichungen von der Regel geben kann, aber er betont hierbei handle es sich um Ausnahmen und fügt an, dass "die Zuordnung zu einer Geschlechtskategorie im Vergleich zu allen anderen Zuordnungen sehr streng vollzogen wird." (S.108). Ein Beispiel für die Richtigkeit dieser Annahme sind die immensen Auflagen, denen Transsexuelle unterliegen, wenn sie ihr Geschlecht im Personalausweis ändern wollen, um so 'offiziell' dem anderen Geschlecht anzugehören. Das deutsche Recht sieht vor, dass der zu vergebende Vorname geschlechtseindeutig ist.
  • Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich lesen, wie Goffman darauf verweist, dass die Zuordnung zur Geschlechtsklasse bei Haustieren (damit sind aller Wahrscheinlichkeit alle domestizierten Tiere, also auch Nutztiere und nicht nur Heimtiere gemeint, siehe hier) ganz ähnlich ist. Es handelt sich hierbei wohl um eine jahrtausendealte und sehr pragmatische Tradition. Wir Menschen sind eben auch Tiere.
  • In diesem Abschnitt grenzt sich Goffman mit großer Deutlichkeit vom biologischen Geschlecht ab. Die Behandlung des biologischen Geschlechts überlässt er den Biowissenschaften. Ihn interessiert die soziale Klassifikation und deren Folgen. Hier bestätigt er nochmals, was er im vorigen Abschnitt bereits andeutete.
  • Die soziale Klassifikation in Männer und Frauen ist sehr basal und wird äußerst konsequent und streng betrieben. Es ist damit wirklich ein Musterbeispiel für eine Klasse. Und es ist auch (bisher)  nicht möglich außerhalb dieser Klassifikation zu leben. Die Ernsthaftigkeit mit der die Geschlechtsklassifikation betrieben wird, trägt wahrscheinlich maßgeblich dazu bei deren allgegenwärtige und meist völlig unhinterfragte Selbstverständlichkeit im Alltag zu sichern: Sie fühlt sich an wie unser 'biologisches Erbe', wie etwas vollkommen Vor-gesellschaftliches.
  • Die Tatsache, dass Alltagsverstand und Wissenschaft sich die Geschlechtseinteilung ganz unkritisch teilen, lässt Goffman, so interpretiere ich das, skeptisch werden.

Mittwoch, 7. November 2012

Baby, Geschlecht geheim

Eltern aus Toronto haben sich entschieden das Geschlecht ihres Babys "Storm" nur einem engen Kreis bekannt zu geben. Dann gab es ein Interview im Toronto Star und anfolgend einen Sturm der Entrüstung. Zu groß ist das Bedürfnis der meisten Menschen in unserer Gesellschaft das Geschlecht von Personen unmittelbar erkennen zu können. Es gibt eine Darstellungs- und Wahrnehmungspflicht des Geschlechts:
"Ein zentrales Merkmal der Geschlechtszuordnung ist die im 'moral fact' eingelassene Pflicht, die eigene Geschlechtszugehörigkeit auch sichtbar zu machen und die Geschlechtszugehörigkeit anderer 'wahrzunehmen'. Diese wechselseitige Übereinkunft, dass man ausreichend Hinweise biete, damit das Gegenüber eine 'verlässliche' Zuordnung vornehmen könne, macht Geschlecht omnipräsent in alltäglichen Situationen." (Katja Hericks, S. 59. Hericks bezieht sich hier auf Hirschauer 2001, siehe unten)
Die Entrüstung der Kritiker bringt also vor allem deren Bedürfnisse ans Tageslicht und weist nicht wirklich auf die Bedürfnisse des betroffenen Kindes hin.

Exkurs: Ein auf spezifische Weise interessantes ähnliches Phänomen beschreibt Alison Lapper über Körperbehinderte und Prothesen: Dass nämlich die Prothesen mehr für die nicht-Behinderten sind, damit sie weiterhin in ihren gewohnten Wahrnehmungsmustern Behinderte anblicken können und sich nicht mit offensichtlich fehlenden Gliedmaßen auseinandersetzen müssen.

Die äußerst lesenswerte Veröffentlichung von Stefan Hirschauers Habilitation über Transsexualität bringt folgendes Fazit den Lesenden näher: Geschlecht ist eine ernste Sache. So ernst, dass Transsexuelle für den Übergang zum anderen Geschlecht mit einem brutalen, blutigen Ritual an ihrem Körper bezahlen. Der Film "Die Haut in der ich wohne" bringt diese Tatsache auf schockierende Weise den Zuschauenden näher und das nur in einem kleinen Detail der ganzen plastischen Prozedur vom Mann zu einer Frau zu werden.
Das Geschlecht ist so wichtig, dass viele Menschen zu großen Opfern zugunsten ihrer Geschlechtsidentität bereit sind. Aus dieser Perspektive ist es ist völlig klar, dass Menschen, die versuchen sich dieser ernsten und für das eigene Lebensgefühl so grundlegenden Sache zu entziehen, damit große Irritation, Unsicherheit und auch Ablehnung bis hin zu Hass auf sich ziehen.
In einem anderen Text (Hirschauer, Stefan (2001): Geschlechtsneutralität. Zur Praxeologie einer Kategorie sozialer Ordnung. In: Heintz, B. (Hrsg.): Geschlechtersoziologie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 41. Wiesbaden, S. 208-235) macht sich Hirschauer Gedanken über mögliche zukünftige Entwicklungen, die die heutige ganz und gar grundlegende Relevanz des Geschlechts reduzieren könnten. Er hat die Idee die Feststellung des biologischen Geschlechts (das ja immer komplexer wird, je intensiver man darüber forscht) könne irgendwann ganz in den Zuständigkeitsbereich von Spezialisten und Laboren fallen. Und dass dann das biologische Geschlecht eine Angelegenheit werden könne, die ebenso intensiv dem Datenschutz unterstellt wird, wie zur Zeit schon andere medizinische Daten. Dem Normalbürger im Alltag wäre dann die Geschlechtsdifferenzierung nicht mehr sicher möglich. Das ist sie streng genommen ja heute schon nicht, aber die Menschen würden dann im vollen Bewusstsein dieser Tatsache leben: Ich sehe andere Menschen, aber ich kann nur vermuten welches Geschlecht sie haben. Viele verbinden diese Idee dann mit einer Uniformität a la KZ-Häftling (Beispiel Martenstein). Ähnliches spricht Hirschauer mit mausgrauen Bürokrat/innen an. In der Realität gibt es jedoch auch andere Erscheinungsformen dieses Phänomens: Dass Menschen aus den älteren Generationen oft bei Menschen aus den Jugend-Subkulturen das Geschlecht nicht mehr eindeutig erkennen können. Den Leuten aus den entsprechenden Subkulturen ist dies meist ohne weitetes möglich. Aber die gesamten Möglichkeiten an Erscheinungsformen und "Fassaden"-Gestaltungsformen hat für beide Geschlechter gesamtgesellschaftlich so zugenommen, dass nicht mehr allen Gesellschaftsmitgliedern alle jeweiligen geschlechtsspezifischen Erscheinungsformen bekannt sind. Vielfalt kann also die Geschlechtsdifferenz ebenso verwischen, wie Uniformität.
Seitenzahlen zu den Texten von Hirschhauer bleibe ich schuldig, bis ich den Text, bzw. mein Exzerpt wiederfinde.


Das Geschlecht seines Kindes der Öffentlichkeit vorzuenthalten ist revolutionär und mutig. Es ist sehr konsequent freiheitlich, pluralistisch und individualistisch gehandelt. Und vielleicht wird diese Praxis irgendwann ebenso akzeptiert sein, wie sein Kind nicht religiös zu initialisieren, damit es als erwachsene Person frei wählen kann, ob es religiös sein möchte und wie.


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Freitag, 26. Oktober 2012

Goffman und das biologische Geschlecht

In diesem Blog möchte ich nicht nur meine eigenen Erlebnisse mit dem Aufwachsen meines Kindes dokumentieren, sondern mich auch mit den Möglichkeiten der Evaluation, der Erfassung und Analyse, von sozialer Praxis der Geschlechtskonstruktion und insbesondere des Doing Gender als einer interaktiven sozialen Praxis auseinandersetzen.
Im ersten Schritt werde ich dazu eine sehr dezidierte Auseinandersetzung mit dem Text »Das Arrangement der Geschlechter« von Erving Goffman vornehmen.
Übersetzung von Margarethe Kusenbach und Hubert Knoblauch im Buch »Interaktion und Geschlecht«, welches zwei Texte von Goffman, sowie eine Einleitung von Hubert Knoblauch und ein Nachwort von Helga Kotthoff enthält und auch von den beiden herausgegeben wurde. Ich verwende die Ausgabe von 1994. Der englische Originaltext »The arrangement between the sexes« erschien 1977 in 'Theory and Society'.

"Das Geschlecht dient in modernen Industriegesellschaften, und offenbar auch in allen anderen, als Grundlage eines zentralen Codes, demgemäß soziale Interaktionen und soziale Strukturen aufgebaut sind; ein Code, der auch die Vorstellungen der Einzelnen von ihrer grundlegenden menschlichen Natur entscheidend prägt." (105)
"Aufgrund ihrer biologischen Gestalt können Frauen Kinder gebären, Kinder stillen und menstruieren, Männer jedoch nicht. Zudem sind Frauen im Durchschnitt kleiner, haben leichtere Knochen und weniger Muskeln als Männer. Etwas organisatorischer Aufwand wäre nötig, wenn auch unter modernen Bedingungen nicht allzu viel, wollte man spürbare soziale Folgen dieser körperlichen Gegebenheiten verhindern. Industriegesellschaften können neue ethische Gruppen verkraften, die beträchtliche kulturelle Unterschiede aufweisen, ebenso den ein Jahr oder länger dauernden Wehrdienst junger Männer, enorme Bildungsunterschiede, Wirtschafts- und Arbeitsmarktzyklen, die kriegsbedingte Abwesenheit von Männern jeder Generation und zahllose andere Turbulenzen der öffentlichen Ordnung. (...) Nicht die sozialen Konsequenzen der angeborenen Geschlechtsunterschiede bedürfen also einer Erklärung, sondern vielmehr wie diese Unterschiede als Garanten für unsere sozialen Arrangements geltend gemacht wurden (und werden) und, mehr noch, wie die institutionellen Mechanismen der Gesellschaft sicherstellen konnten, daß uns diese Erklärung stichhaltig erscheinen." (106 f., fett von mir)
Meiner Meinung nach ist Goffman hier ziemlich deutlich: Die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die er nicht bestreitet, sind für ihn mitnichten die Ursache für die sozialen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Goffman interessiert sich überhaupt nicht für die biologischen Differenzen. Ihn interessiert ausschließlich, was aus diesen, wie er findet, relativ unbedeutenden biologischen Unterschieden in seiner Gesellschaft gemacht wird.
Kennt man auch Goffmans Buch "Rahmenanalyse", dann könnte man es auch so ausdrücken:
Wir neigen dazu unser Geschlecht und die Geschlechtsdifferenzen in einem "natürlichen Rahmen" wahrzunehmen. Diese Argumentation findet dabei bis heute ständig Anwendung:
  • Prämisse A) Die Körper von Männern und Frauen zeigen unterschiedliche Merkmale.
  • Prämisse B) Männer und Frauen werden sozial unterschiedlich behandelt.
  • Konklusion C) Diese Unterschiede in der Behandlung werden durch die unterschiedlichen Merkmale des Körpers verursacht.
Goffman aber ändert die Perspektive:
  • Prämisse A) Die Körper von Männern und Frauen zeigen unterschiedliche Merkmale. (Dies zweifelt er nicht an, wie es beispielsweise der Postfeminismus, etwa Judith Butler, tut. Er geht vielmehr darauf ein, dass diese Unterschiede zumindest in unserer modernen Gesellschaft ziemlich  unbedeutend sind.)
  • Prämisse B) Männer und Frauen werden sozial unterschiedlich behandelt. (Er spricht von sozialen Arrangements!)
  • Konklusion C) Es gibt soziale Mechanismen, die die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nutzen, um die sozialen Arrangements zu sichern.
Und der Untersuchung genau dieser Mechanismen in interaktiven Situationen, sowie deren Bedeutung für die öffentliche Ordnung widmet sich Goffman in diesem Aufsatz.

Anmerkung: Goffman untersucht stehts soziale Situationen oder Interaktionen. Damit meinte er, Situationen in denen mindestens zwei Personen in gegenseitiger Wahrnehmung körperlich anwesend sind (für die gegenseitige Anwesenheit mag es im Detail Ausnahmen bei seinen Überlegungen zu Spionage u.ä. geben, was hier jedoch keine Rolle spielt).
Mit der öffentlichen Ordnung meint er nicht etwa das Wohlverhalten der Bürger auf öffentlichen Plätzen, sondern eher das Geordnetsein der interaktiven Begegnungen (hierzu kann man sowohl seinen Text "Interaktionsordnung" sowie sein Buch "Das Individuum im öffentlichen Austausch für eine dezidiertere Definition der Begriffe "öffentlich" und "Ordnung" heranziehen).

Fazit:
  • Das Geschlecht dient als Grundlage eines zentralen Codes, demgemäß soziale Interaktionen und soziale Strukturen aufgebaut sind.
  • Die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nutzt dieser Code, um die sozialen Arrangements der Geschlechter zu sichern und sie für seine Mitglieder als natürlich und damit selbstverständlich zu prägen. Diesen Mechanismus der Erhaltung des Geschlechtsarrangements nennt Goffman institutionelle Reflexivität.
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Donnerstag, 25. Oktober 2012

Bob

Heute in der Krabbelgruppe hat der Vater von Bob zu seinem Sohn "meine kleine Prinzessin" gesagt. Bei Gaby gab es dafür direkt die Nachfrage bei Bobs Mutter. Die reagierte nicht grade aussagekräftig. Jedoch deutete die an, dass Bobs Vater das häufiger sagt. Als Begründung dazu sagte er, dass ihr älteres Kind, ihre Tochter, so ganz anders gewesen wäre in dem Alter. Ein Wildfang, immer aktiv und neugierig. Kletterte überall drauf, spielte gern draußen und scherte sich nicht um Schmutz. Bob dagegen sei ziemlich ruhig, möge es gar nicht schmutzig zu werden und spiele gern mit Puppen oder Küchenspielzeug, was seine Schwester nie interessiert hatte.
Ich bin nicht so sicher, wie ich dieses Verhalten von Bobs Vater einordnen soll. Beide Eltern scheinen nicht die geringsten Ambitionen zu haben ihre Kinder von geschlechtsuntypischem Verhalten abzuhalten. Der Vater schien sogar auf beide Kinder deshalb stolz zu sein. Dennoch konnte ich nun schon zum zweiten Mal beobachten, dass er das Verhalten seiner Kinder trotzdem explizit als jungen- oder mädchenhaft labeln möchte.
Dies kann man nun ganz unterschiedlich deuten. Einerseits ist es natürlich ein Festhalten daran das Verhalten kleinster Kinder bereits unbedingt im Rahmen von Geschlechtsstereotypen wahrzunehmen. Aber andererseits ist das selbstbewusste Pochen darauf, dass es bei seinen Kindern 'andersherum' auftritt ja schon fast ein politisches Statement. So nach dem Motto: 'Seht ihr? Das geschlechtstypische Verhalten hängt nicht vom biologischen Geschlecht ab!' Ich bin ziemlich sicher, dass beides hineinspielt.
(Es ist eventuell ein Hinweis darauf, dass selbst bei emanzipierten Menschen das Geschlecht als Wahrnehmungsmuster sehr zentral bleibt.)

Montag, 15. Oktober 2012

Und wieder der Teddybär

Kürzlich ist Ärztestreik und wer wird krank? Mein Kind. Also musste ich suchen und die einzige geöffnete Kinderarztpraxis in meiner Stadt finden. Termin, Baby in den Teddybären packen, hinfahren.
Die Sprechstundenhilfe begrüßt uns freundlich. Fragt nach der Kassen-Karte. Guckt auf die Karte: "Ohh, Emma. Ein Mädchen. Gar nicht in rosa, wie sonst immer alle." Ich freue mich.
Einen Tag später erfahre ich von einer Freundin mit zwei kleinen Töchtern: Sie hatte auch einen Teddybären-Overall, aber der war weiß. Aha. Bin ich jetzt korrekt im Bilde? Weibliche Teddybärenbabys sind weiß?

Da der Teddybär überall so gut ankommt, suche ich im Internet schon nach einem in Größe 80, damit wir weiterhin diesen Spaß haben. Bisher habe ich aber noch nicht zugeschlagen...

Montag, 1. Oktober 2012

Flirtende Babys

Es gibt eine ganze Klasse von Scherzen, die mich jedes Mal innerlich zusammenzucken lassen: Wenn das Verhalten von Babys bereits mit heterosexuell-sexualisierten Scherzen kommentiert wird.
'Die Kleine flirtet aber jetzt mit dem Opa!' weil ein halbjähriges Kind verstärkt den Blickkontakt zum Opa sucht oder ihn anlächelt.
'So jung und schleppt schon Frauen ab. Er steht auf Jüngere.' weil ein zweijähriger Junge ein jüngeres weibliches Baby im Wagen herumschiebt.
Ich finde diese ganze Flirt- und
Baggerterminologie für die Kommentierung von Kinderverhalten, oder noch schlimmer in der Kommunikation mit Kindern, unangemessen. Doch ich muss feststellen, dass es die meisten Menschen witzig finden.
Bin ich in diesem Fall ins Humorloch gefallen?

Samstag, 29. September 2012

Wie ein Mädchen

So, diese Woche nochmal Krabbelgruppe:
Gaby hielt sich zurück und auch sonst war es auffällig ruhig in der Krabbelgruppe diese Woche. Es gab nur einen Vorfall, der mir erwähnenswert scheint:

Der Vater von Bob war dabei. Bob hat eine bedeutend ältere Schwester. Gaby fragte, wie denn der Unterschied zwischen Bob und seiner Schwester sei. Darauf hin sagte Bobs Vater, ich gebe das hier mal aus dem Gedächtnis als direktes Zitat wieder:
"Also der Bob ist ja im Vergleich zu seiner Schwester wie das Mädchen in der Familie. Der ist ruhig und verschmust und bleibt immer in unserer Nähe. Seine Schwester dagegen ist so ein richtiger Draufgänger, die fühlt sich überall gleich wohl. Das liegt wohl daran, dass sie damals direkt nach der Geburt schon viel von der Oma betreut wurde und dann auch ganz früh in die KiTa kam, weil meine Frau ja ihre Ausbildung nicht aufgeben wollte. Jetzt für Bob bleibt sie zuhause und ist nur für ihn da. Und das merkt man ihm an."

Es zeigt sich also immer deutlicher, dass zumindest in dieser Gruppe mit Mädchen und Jungen ganz bestimmte Eigenschaften verknüpft werden:

  • Jungen sind laut, bewegen sich viel und sind erkundungsfreudig.
  • Mädchen sind schüchtern, ruhig und verschmust.
Dabei ergibt sich dann folgende Verteilung unter den älteren Kindern der Krabbelgruppe: Bob und Lola sind wie Mädchen, Tizia allen voran, sowie Paul und Flyn sind wie Jungen. Unter den kleineren Kindern ist es schwer abzusehen, gerade weil das Geschlechterverhältnis umgekehrt ist: Ein Junge auf drei Mädchen. Neben Emma und Sarah (die nur eine Woche auseinander sind) gibt es noch die kleine Anna, die fast auf den Tag so alt ist wie Karlo. Die drei kleinen Mädchen sind in der Krabbelgruppe immer sehr lieb, Karlo dagegen weint recht viel. Das ist, wie schon berichtet, ein Problem seines intensiven Fremdelns.

Zickenterror

Letzte Woche in der Krabbelgruppe versuchte sich unsere Gruppenleiterin Gaby mal wieder in aktivem Doing Gender. Der Ablauf war grob wiedergegeben wie folgt:

  • Paul weinte ein Weile. Gaby fragte, was los sei und Pauls Mutter erklärte, dass Paul nun häufiger weinen würde, wenn er seinen Willen nicht bekäme. Gaby kommentierte dies nicht weiter.
  • Später weinte Tizia sehr ausdrucksstark und laut. Als es vorbei war, fragte Gaby wiederum Tizias Mutter, was denn los gewesen sei. Tizias Mutter erklärte, dass Tizia jetzt manchmal ordentliche Schreikrämpfe bekäme, wenn etwas nicht so funktioniert, wie sie möchte. Darauf hin sagte Gaby: "Zickenterror". Tizias Mutter antwortete dann entschieden: "Nein. Sie ist halt ein Menschlein, sie bringt ihre Meinung zum Ausdruck."
Dieser Vorfall ist bemerkenswert. Tizia ist unter den Kindern in der Krabbelgruppe, die etwa um ein Jahr alt sind, eine der Jüngsten. Paul beispielsweise ist zu diesem Zeitpunkt bereits 13 Monate alt, Tizia jedoch erst 11 Monate. Dennoch ist sie in ihrer Entwicklung den anderen Kindern ihres Alters meist einen kleinen Tick voraus. Weiterhin ist sie wenig schüchtern und bereits als rabiater Schnullerdieb bekannt. Lola dagegen erfüllt nach Gabys Meinung alle Kriterien, um so ein richtiges Mädchen zu sein. Tizia nicht. Und ihre Mutter ist sichtlich stolz darauf, dass ihr Kind ein kleiner Draufgänger ist.


Nachtrag: Die Frage bleibt bestehen. Warum neigt ausgerechnet unsere Krabbelgruppenleiterin Gaby zu diesen aktiven Geschlechtszuordnungen? Liegt es an meiner Wahrnehmung? Liegt es daran, dass sie zehn bis fünfzehn Jahre älter ist, als die meisten Mütter und Väter der Gruppe? Liegt es daran, dass sie professionell mit Kindern arbeitet? Ist es Zufall? Ist es eine reine Sache der Verteilung, da Gaby bei weitem die meisten Redebeiträge hat und als Gruppenleiterin von ihr erwartet wird, alles zu kommentieren?

Sonntag, 23. September 2012

Dickes Baby

Kürzlich trug sich etwas zu, dass ich zuerst für nicht erwähnenswert befand, doch meine Tante Sophie hat mir die Augen geöffnet. Aber gehen wir chronologisch vor.

Wir waren mit Emma zur U5. Alle Befunde waren super, nur als wir zu der Frage kamen: "Dreht sie sich schon?", antwortete ich wahrheitsgemäß: "Auf die Seite, ja, vom Rücken auf den Bauch oder umgekehrt: Nein." Die Ärztin drehte an Emma herum, Emma drehte sich vom Rücken auf die Seite und strampelte. "Ja, sie hat den Bewegungsablauf schon drin, aber ihre Arme sind so speckig, dass sie da nicht drüber kommt." diagnostizierte die Ärztin. "Also alles okay?" fragte ich. "Ja, klar, das trainiert sie sich in den nächsten Wochen ab, wenn sie mobil wird."

Ich war erleichtert. Kein Spätentwickler, sondern ein Wonneproppen. Ich erzählte es überall in der Familie und bei Freunden herum und insbesondere meine Tante Tilli und ihre Tochter Miriam fanden diese Anekdote lustig. "Sein ganzes Leben lang soll man schlank sein, nur bei einem Baby freuen sich alle, wenn es speckig ist und Emma nutzt das voll aus. Das ist doch sympathisch."

Dann in der Krabbelgruppe erzählte ich nun wiederum von diesem eben schon zur Anekdote gewordenen Vorfall bei der Kinderärztin, beendete mein Reden und guckte erwartungsvoll in die Runde. Aber niemand lachte, alle guckten ganz betreten. Ziemlich geschlossen befand die ganze Gruppe, dass die Ärztin sich unmöglich benommen hätte, zu sagen Emmas Arme wären so speckig, dass sie sich nicht drehen kann. Als ich sagte, ich hätte es ganz lustig gefunden, da sagten sie sowas in die Richtung, dass man das Leben mit Humor nehmen müsse, sonst käme man ja um. Es folgte ein Vortrag von unserer Leiterin Gabi darüber, dass die Fettpolster von Stillbabys total unbedenklich seien und dass man nur bei Flaschenbabys darauf achten müsse, dass sie nicht zu dick werden, da das Fett aus Kuhmilch irgendwie vom Babykörper anders abgebaut wird, als das Fett aus Muttermilch.

Im Chat mit meiner Familie erzählte ich dann von der ganzen Begebenheit, der Aussage der Ärztin und der für mich verwunderlichen Reaktion der Krabbelgruppe. Und meine Mutter legte gleich los: Dass Emma nicht zu dick sei, dass sei kein Speck, ich solle bloß keine Diät machen oder das Kind abnehmen lassen. Alles in allem verwickelte ich mich dann mit meiner Mutter wiederum in ein ziemlich von Missverständnissen durchzogenes Streitgespräch und war am Ende noch verwirrter.

Dann telefonierte ich mit meiner Tante Sophie und sie sagte: "Ja, da bist du in der Krabbelgruppe in ein Humorloch gefallen." Ich so: "Ja, genau so ist es!", "Das ist so schlimm für Frauen immer mit diesem Zwang zum Schlanksein, das ist echt ein Thema, da darf man keine Witze drüber machen und einer Frau dann zu sagen, dass sie ein dickes Baby hat, dann ist es für viele bestimmt ganz vorbei." So erklärte sich mir auch die verbissene Reaktion meiner Mutter, die die ganze Zeit gegen eine Diät am Baby argumentierte. Eine Diät, die weder ich noch die Ärztin jemals ins Auge gefasst hatten, die für mich auch nie zur Diskussion gestanden hatte. Mit den speckigen Armen von Emma ging es um den dicken Körper als solchen, der hier zur Diskussion stand.

Ob die ganze Sache genauso ausgesehen hätte, wenn Emma ein Junge wäre? Ich glaube, so stark wie das Stigma des Übergewichts inzwischen in unserer Gesellschaft wirkt, hätte es keinen Unterschied gemacht. Aber auszuschließen ist es nicht... Gab es da nicht auch irgendwelche Promis, die sich schon zu babyzeiten Sorgen machten, dass ihre weiblichen Kinder nicht schlank genug sind? Weiß wer was?